Recherche29. Juli 2026ca. 8 Min. Lesezeit
Die Verschwundene aus den Epstein-Files
Seit 2015 fehlt jede Spur von Michele. Dann taucht ihr Name in den Akten von Jeffrey Epstein auf. Der Scout, der sie dorthin brachte, starb bevor er aussagen konnte.
*Seit 2015 fehlt jede Spur von Michele. Dann taucht ihr Name in den Akten von Jeffrey Epstein auf. Eine Recherche von ZDF und Spiegel offenbart ein System, das junge Frauen in größte Gefahr bringt — und deutsche Behörden, die wegsehen.*
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Ein Name in Millionen Dokumenten

Millionen Seiten. Anrufprotokolle, Nachrichten, E-Mails. Der gigantische Datenberg, den das US-Justizministerium im Rahmen der Epstein-Files freigegeben hat, wirkt wie ein Ozean aus Papierkram. Und doch stößt ein Rechercheteam des ZDF auf einen Namen, der nicht dorthin gehören sollte: Michele. Eine junge Deutsche. Vermisst seit September 2015.
Die Journalisten Lucas Eiler, Alina Reissenberger und Tim Gorbauch vom ZDF-Dokuformat „Die Spur" haben gemeinsam mit DER SPIEGEL und paper trail media den Fall rekonstruiert. Was sie fanden, ist mehr als eine Vermisstenanzeige. Es ist das Porträt eines Systems, das junge Frauen, die von einer Modelkarriere träumen, in eine Maschine aus Ausbeutung und Gewalt zieht.
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September 2015 — Der letzte Koffer
Michele war 22 Jahre alt. Sie wollte schon immer Model werden, posierte schon als Kind auf Urlaubsfotos. Im September 2015 packte sie einen Koffer und verließ die Wohnung ihrer Mutter in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagte nicht, wohin sie geht. Aber das war normal — Michele war immer unterwegs, selten erzählte sie, wohin die Reise ging.
Ein Monat verging. Kein Anruf. Keine Nachricht. Die Familie meldete Michele im Oktober 2015 als vermisst. Die Polizei prüfte, ob sie in einem angrenzenden Bundesland oder Nachbarland aufgegriffen wurde — ohne Ergebnis. Eine aktive Suche fand nicht statt, weil es keine Hinweise auf ein Verbrechen gab. Eine erwachsene Frau, die freiwillig verreist — mehr schien es nicht zu sein.
Aber es war mehr.
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Daniel Siad — Der Fischer
Der Name Daniel Siad taucht in den Epstein-Files über 2.000 Mal auf. Ein Schwede mit algerischen Wurzeln, der sich als Modelscout ausgab und bei Paris lebte. Siad war keine Randfigur. Er war eine europäische Schlüsselfigur im Epstein-Netzwerk — ein mutmaßlicher Rekrutierer, der junge Frauen an den Sexualstraftäter vermittelte. In einer E-Mail an Epstein beschrieb er sich selbst als Fischer: „Manchmal mache ich einen guten Fang, manchmal erwische ich nichts."
Michele lernte Siad in einer Tanzbar in Dubai kennen. Er bot ihr an, Fotos zu machen — sie wollte immer modeln. So begann ein Kontakt, der ab 2012 bestand und sich über Jahre zog. 2013 besuchte Micheles Mutter ihre Tochter sogar in Dubai, wo Siad sie zu einem Essen auf einem großen Schiff einlud.
2014 schickte Siad mehrere Fotos von Michele an Jeffrey Epstein. In einer Mail schrieb er:
„Sie ist ein Mädchen, das ich sehr gut kenne, großartige Person. Du wirst sie lieben."
Er bat offenbar um ein Flugticket für Michele. Ob eine Begegnung mit Epstein jemals zustande kam, geht aus den Akten nicht hervor.
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Die Angst vor dem Scout
Micheles Vater Vlado berichtet von einem Anruf Siads kurz vor ihrem Verschwinden:
„Von Weiten hab ich im Telefon gehört, wie er mit ihr schimpft. Und dann ist das so gewesen, dass sie da Angst hatte."
Michele hatte ihrem Vater erzählt, Siad betreibe einen Escortservice. „Wofür die Mädchen dann auch dort hingeschickt worden sind, hat vielleicht was mit Sex zu tun", so der Vater. „Das wollte sie wohl nicht so preisgeben."
Auch ein Ex-Freund berichtete gegenüber ZDF und Spiegel von derartigen Anrufen. Siad selbst reagierte auf keine der Anfragen der Journalisten. Weder er noch seine Anwältin äußerten sich.
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Die Recherche
Das Rechercheteam arbeitete monatelang. Sie versuchten, Micheles Reisen zu rekonstruieren, schrieben Online-Kontakte an, durchkämmten Datenlecks. Mit Gesichtserkennungstools und forensischen Handyanalysen suchten sie nach Hinweisen auf ihren Verbleib.
Erst als die Journalisten die Familie kontaktierten, erfuhr diese, dass Micheles Name in den Epstein-Files auftaucht. Die Familie — Eltern Annett und Vlado, Bruder Jonas (Name geändert) — sprach erstmals öffentlich über ihre vermisste Tochter.
„Es ist für eine Mutter schlimm, wenn man ein Kind verliert", sagt Annett. „Natürlich fragt man sich immer wieder, wo ist sie geblieben?"
„Ich meine, sie war ja auch wirklich ein ganz süßes Mädchen", sagt Vlado. „Ist sie ja immer noch bestimmt, hoffentlich."
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Die Behörden — Hilflos oder gleichgültig?
Die deutsche Staatsanwaltschaft sieht keine Grundlage für Ermittlungen. Es fehle ein konkreter Hinweis auf ein Gewaltverbrechen. Eine öffentliche Fahndung nach Michele ist nicht geplant.
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz sieht das anders:
„Wenn sich zu diesem Fall ein Draht zu Epstein findet, hat man meiner Ansicht nach einen neuen Ermittlungsansatz, und dem muss nachgegangen werden."
In Polen und Frankreich wurden die Behörden deutlich entschlossener tätig. Dort wurde die Bevölkerung aufgerufen, sich mit Hinweisen zu möglichen Epstein-Verbindungen an zentrale Stellen zu wenden. In Deutschland passiert nichts.
„Wir stehen hilflos da", sagt die Familie.
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Was bleibt
Ein letztes Foto zeigt Michele lachend in einem Gartenstuhl bei ihrem Vater. Kurz vor ihrem Verschwinden. Es ist das letzte bekannte Bild von ihr.
Ihre Mutter sagt:
„Ich denke, sie lebt nicht mehr. Dass ihr etwas angetan wurde."
Daniel Siad, der Mann, der Michele in das Epstein-Netzwerk brachte, starb im Juli 2026 — bevor er jemals von der Polizei vernommen wurde. Seine Geschichte — und die der anderen Toten im Epstein-Komplex — erzählen wir in **Teil 2: Das Todesmuster (externer Link, öffnet in neuem Tab)**.

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Quellen
- DER SPIEGEL: Vermisstenfall Michele — Die verschwundene Deutsche aus den Epstein-Akten (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- ZDFheute: Epstein-Files — Vermisste junge Deutsche von Scout angeboten? (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- ZDF Die Spur: Vermisst: Deutsche aus den Epstein-Files (Doku) (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- taz: Deutsches Model in Epstein Files — Wo ist Michele? (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- ZDFheute: Vermisste Deutsche — Von Notz fordert neue Ermittlungen (externer Link, öffnet in neuem Tab)
- DER SPIEGEL: Staatsanwaltschaft sieht keine Grundlage für Ermittlungen (externer Link, öffnet in neuem Tab)
Recherche: Lucas Eiler, Alina Reissenberger, Tim Gorbauch "Die Spur") mit DER SPIEGEL und paper trail media. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes werden Micheles Nachname und genauer Wohnort nicht veröffentlicht.
Sigma
Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.
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