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Recherche31. Juli 2026ca. 8 Min. Lesezeit

Der Great Reset und die nationale Frage – Wie Ethnonationalismus als Werkzeug der Kontrolle eingesetzt wird

Bosnien ist kein lokaler Konflikt. Es ist ein Testlabor für eine globale Strategie: die Instrumentalisierung ethnischer Identität zur Blockade von EU- und NATO-Integration, zur Schaffung permanenter Instabilität und zur Schwächung staatlicher Souveränität.

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Rupert Murdoch, Chairman and Chief Executive Officer, News Corporation, USA; Co-Chair of the World Economic Forum Annual Meeting 2009 captured during

*Man kann Bosnien als lokalen Konflikt lesen, als Nachwehen eines Krieges, der nie ganz endete. Man kann es aber auch als Testlabor lesen, als ein Labor, in dem eine globale Strategie erprobt wird: die Instrumentalisierung ethnischer Identität zur Schwächung staatlicher Souveränität, zur Blockade westlicher Integration und zur Schaffung einer „managed instability", die geopolitische Akteure nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen, ohne einen Krieg erklären zu müssen.*

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„Great Reset": Eine Begriffsklärung

Der Great Reset und die nationale Frage, wie Ethnonationalismus als Werkzeug der Kontrolle eingesetzt wird, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

Der Begriff „Great Reset" wird oft verkürzt auf das World Economic Forum und Klaus Schwab verwendet. Hier ist er weiter gefasst: als Bezeichnung für die geopolitische Umstrukturierung, die seit der Finanzkrise 2008, der Krim-Annexion 2014 und der Ukraine-Invasion 2022 im Gange ist. Eine Umstrukturierung, in der Multilateralismus durch Blockkonfrontation ersetzt wird, nationale Souveränität unter dem Druck supranationaler Akteure erodiert, ethnische Identität als politisches Werkzeug reaktiviert wird und „Managed Instability", also gesteuerte Instabilität, als Instrument der Einflussnahme eingesetzt wird.

Bosnien ist ein Mikrokosmos dieser Dynamik. Was hier geschieht, ist kein Unfall, sondern das Ergebnis einer konzertierten Strategie, die darauf abzielt, den Westbalkan in einer permanenten Krise zu halten. Das ist nützlich für Moskau, nützlich für nationalistische Eliten und nützlich für alle, die von der Schwäche staatlicher Institutionen profitieren.


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Die EU-Blockade: Bosnien als Geisel

Bosnien-Herzegowina hat 2024 offiziell EU-Beitrittsverhandlungen begonnen, ein historischer Schritt nach Jahrzehnten der Stagnation. Aber die Realität ist, dass die Verhandlungen blockiert sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Die EU-Kommission hat im Juli 2025 mitgeteilt, dass Bosnien 108,4 Millionen Euro aus dem Wachstumsplan für den Westbalkan verliert, 10 Prozent der ursprünglich zugesagten Mittel. Der Grund: Bosnien konnte keine Reformagenda vorlegen. Die RS blockiert jede Reform, die zu einer „größeren Zentralisierung" führen könnte.

Das OSW (Centre for Eastern Studies) stellt fest:

„Bosnien-Herzegowina ist das einzige Land in der Region, das seinen Reformplan nicht finalisieren konnte. Albanien, Montenegro, Kosovo, Nordmazedonien und Serbien haben es bis Ende 2024 geschafft."

Die Blockade ist systematisch. Die EU fordert die Besetzung der vakanten Richterstellen im Verfassungsgerichtshof, die Umsetzung der Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs in der RS, die Abschaffung des Vetorechts einzelner Entitäten bei der Mittelvergabe und die Angleichung des Visaregimes an die EU.

Dodik lehnt alles ab, denn jede dieser Reformen würde die Autonomie der RS beschneiden. Und solange er blockiert, steht Bosnien still, während die Nachbarländer voranschreiten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung analysiert:

„Die Entscheidung der EU, Beitrittsverhandlungen mit BiH zu eröffnen, war eher von geopolitischen Realitäten getrieben als von konkreten Reformen. Die aktuelle Krise zeigt, dass die Entscheidung auf Sand gebaut war."

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Die NATO-Frage

Bosnien-Herzegowina hat einen NATO-Mitgliedschaftsaktionsplan (MAP), aber die Integration ist blockiert. Dodik hat wiederholt erklärt, dass die RS niemals der NATO beitreten wird. Russland nutzt Bosnien als Pufferzone, ein Land, das weder NATO-Mitglied noch russischer Satellit ist, sondern in einer permanenten Grauzone gehalten wird.

Die Carnegie Endowment schreibt:

„Moskaus disruptive Agenda zahlt sich aus, weil Bosniens Integration in NATO und EU langsam und die westliche Politik ineffizient ist. Russland stört den bosnischen Topf so gut es kann, kostengünstig, durch Propaganda, politisches Feuerwerk und Unterstützung für radikale serbische nationalistische Gruppen."

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Managed Instability: Das Konzept

„Managed Instability", also gesteuerte Instabilität, ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine nachvollziehbare strategische Doktrin, die von mehreren Akteuren angewendet wird:

Russland

Moskaus Ziel ist nicht ein anerkannter RS-Staat. Es ist ein permanenter Hebel innerhalb Bosniens. Das Robert Lansing Institute formuliert es präzise:

„Moskaus strategisches Interesse ist nicht ein anerkannter RS-Staat, sondern ein permanenter Hebel innerhalb Bosniens, der die EU/NATO-Integration blockiert und die westliche Politik spaltet."

Die Instrumente reichen von diplomatischer Deckung für Dodik über Kremlin-Treffen und die Verurteilung der Gerichte bis hin zu UNSC-Veto-Drohungen bei der EUFOR-Verlängerung. Hinzu kommen Sanktionsumgehung, Patronage-Netzwerke sowie Medien- und Propaganda-Unterstützung.

Ungarn

Orbán nutzt Bosnien als Hebel innerhalb der EU. Durch den Schutz Dodiks blockiert er EU-Sanktionen, schwächt die gemeinsame Außenpolitik und positioniert sich als „alternative Macht" in Europa. Ungarn investiert in der RS und bietet Dodik politischen Schutz in Brüssel.

Serbien

Vučić nutzt die RS als Verhandlungsmasse. Solange er Dodik kontrollieren kann, hat er ein Druckmittel gegenüber der EU in der Kosovo-Frage und kann gegenüber Russland „Mäßigung" garantieren.

Die RS-Elite

Dodik und sein Umkreis profitieren direkt von der Instabilität. Die Schwäche des Zentralstaats bedeutet minimale Kontrolle, minimale Transparenz und maximale Aneignung. Die RS ist eines der korruptesten Gebiete Europas, und die ethnische Mobilisierung dient als Ablenkung von der wirtschaftlichen Realität.


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Ethnonationalismus als Werkzeug

Die Instrumentalisierung ethnischer Identität ist das zentrale Werkzeug dieser Strategie. Der Mechanismus ist immer derselbe. Zuerst wird Identität essentialisiert: „Wir sind ein Volk, eine Nation, eine Schicksalsgemeinschaft." Dann wird eine externe Bedrohung konstruiert: „Die Bosniaken wollen uns dominieren", „Der Westen will uns assimilieren", „Die EU will unsere Kirche zerstören." Staatliche Institutionen werden als fremd dargestellt: „Der Verfassungsgerichtshof ist nicht unser Gericht", „Die Staatspolizei ist eine Besatzungsmacht." Parallelstrukturen werden legitimiert: „Wir brauchen unsere eigenen Gerichte, unsere eigene Polizei, unsere eigene Armee." Und jeder Widerstand wird als Verrat dargestellt: „Wer mit Sarajevo kooperiert, ist ein Verräter am serbischen Volk."

Diese Mechanik funktioniert nicht nur in Bosnien. Sie funktioniert überall, wo ethnische oder identitäre Spaltungen existieren. Und sie wird, mit Variationen, von Moskau bis Budapest, von der Türkei bis China, angewendet.


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Die Dayton-Falle

Das Dayton-Abkommen ist nicht nur die Grundlage des Friedens, sondern auch die Struktur, die die Krise ermöglicht. Die ethnische Segmentierung, das Vetorecht, die Autonomie der Entitäten, all dies wurde als vorübergehende Lösung gedacht, doch es wurde zur permanenten Architektur.

Die International Crisis Group schreibt:

„Das Verfassungsframework von Dayton erlaubt es politischen Akteuren immer wieder, die Zentralregierung zu paralysieren."

Und die Foreign Affairs:

„Dodik hat die Lücken des Dayton-Systems ausgenutzt, um systematisch staatliche Institutionen abzubauen. Er hat Parallelstrukturen geschaffen, ethnische Spannungen geschürt und behauptet, die Republika Srpska müsse sich von Bosnien abspalten, um das serbische Volk zu schützen."

Die Ironie: Das Abkommen, das den Krieg beendete, hat die Strukturen geschaffen, die den nächsten Krieg vorbereiten könnten.


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Die EUFOR-Krise als jährliche Erpressung

Die EUFOR Althea-Mission, die EU-Friedenstruppe in Bosnien, muss jährlich vom UN-Sicherheitsrat verlängert werden. Das Mandat läuft im November 2025 ab. Russland hat ein Veto.

Dies schafft eine jährliche Erpressungssituation: Moskau kann drohen, das Mandat nicht zu verlängern, um Zugeständnisse zu erzwingen. Oder es kann die Verlängerung als „Gnade" darstellen. In jedem Fall wird die Präsenz der internationalen Friedenstruppe, die einzige institutionelle Garantie für den Frieden, von Moskaus Wohlwollen abhängig gemacht.

Die Heinrich-Böll-Stiftung warnt:

„Die Zukunft der EUFOR Althea-Mission bleibt ungewiss, da ihr Mandat jährlich im UN-Sicherheitsrat verlängert werden muss, wobei Russlands Haltung unvorhersehbar ist. RS-Behörden haben offenbar die Beendigung der Mission gefordert."

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Die Frage nach dem „Warum jetzt?"

Warum eskaliert die Krise gerade jetzt? Mehrere Faktoren konvergieren. Die Ukraine-Invasion hat Russland in eine Konfrontation mit dem Westen gebracht, und der Balkan ist ein zweiter Front: kostengünstig, destabilisierend, nützlich. Die EU-Erweiterung hat nach Jahren der Stagnation wieder Schwung aufgenommen. Bosnien, Ukraine, Moldau, die EU wächst, und Moskau will das stoppen. Die US-Außenpolitik ist unbeständig. Trumps Präsidentschaft hat Erwartungen geschaffen, und Dodik hoffte auf amerikanischen Rückzug vom Balkan. Die Srebrenica-Resolution der UN-Generalversammlung (2024) hat die nationalistische Mobilisierung in Serbien und der RS befeuert. Und die WM-Qualifikation Bosniens hat ein Wir-Gefühl erzeugt, das die ethnische Segmentierung untergräbt und damit die nationalistische Erzählung bedroht.


Der Great Reset und die nationale Frage, wie Ethnonationalismus als Werkzeug der Kontrolle eingesetzt wird, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

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Der nächste Schritt

Der „Great Reset" im Bosnien-Kontext ist keine abstrakte Theorie, sondern eine nachvollziehbare Strategie: die Schaffung permanenter Instabilität durch die Instrumentalisierung ethnischer Identität, die Blockade westlicher Integration und die Schwächung staatlicher Souveränität. Bosnien ist das Testlabor, aber es ist nicht das einzige Labor.

Im letzten Teil geht es darum, wie die WM-Qualifikation Bosniens etwas bedrohte, das für alle nationalistischen Akteure existenzgefährlich ist: ein Wir-Gefühl, das die ethnischen Gräben überwindet. Und warum genau deshalb die Fahnenverfolgung eskalierte.


*Quellen: OSW, Carnegie Endowment, Heinrich-Böll-Stiftung, International Crisis Group, Foreign Affairs, Robert Lansing Institute, OHR, Stanford FSI, Small Wars Journal (2024–2026)*

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