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Recherche31. Juli 2026ca. 9 Min. Lesezeit

Srpski Svet – Putins Spiegel im Balkan

Aleksandar Vulin, Serbiens pro-russischer Vizepremier, nennt es "Serbische Welt" – eine Kopie von Putins "Russkiy Mir". Die All-Serb Assembly von 2024 war die institutionelle Geburtsstunde. Hinter der Fassade von "Ein Volk, eine Versammlung" steht ein geopolitischer Bauplan.

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Ruins of the Bosnian War in Sarajevo

*Es beginnt mit einem Wort. „Srpski Svet", die Serbische Welt. Es klingt wie ein kulturelles Konzept, wie der Ausdruck einer gemeinsamen Identität. Aber es ist mehr. Es ist die exakte Kopie eines russischen Modells: „Russkiy Mir", die Russische Welt. Ein Konzept, das Putin genutzt hat, um die Annexion der Krim zu rechtfertigen, den Krieg in der Ukraine zu legitimieren und den russischen Einfluss über die Grenzen Russlands hinaus auszuweiten. Jetzt wird dasselbe Modell auf den Balkan übertragen. Und der Mann, der es trägt, heißt Aleksandar Vulin.*

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Der Mann Moskaus

Srpski Svet: Putins Spiegel im Balkan, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

Aleksandar Vulin ist Vizepremierminister Serbiens und ehemaliger Direktor des serbischen Geheimdienstes BIA. Er steht auf der US-Sanktionsliste wegen illegalen Waffenhandels, Korruption und als „Vermittler russischen Einflusses auf dem Balkan". Er ist Träger des Ordens der Freundschaft, verliehen von Wladimir Putin persönlich, überreicht vom FSB-Chef Aleksandr Bortnikov in Moskau.

Vulin ist weder der Präsident Serbiens noch der Ministerpräsident oder Außenminister, und doch ist er vielleicht der einflussreichste Mann in Serbiens geopolitischer Ausrichtung, weil er die Stimme ist, die Vučić nicht selbst benutzen kann.

Vučić spielt ein doppeltes Spiel: Er präsentiert sich dem Westen als gemäßigter Europäer, der EU-Integration anstrebt. Gleichzeitig hält er Vulin als Sprachrohr für die maximale nationalistische, pro-russische Position. Vulin ist der „politische Probballon", er testet, wie weit man gehen kann, ohne dass es Konsequenzen für Vučić gibt.


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„Srpski Svet": Das Konzept

Der Begriff „Srpski Svet" (Serbische Welt) wurde von Vulin als geopolitisches Projekt formuliert. Es ist, nach eigener Aussage, inspiriert von Putins „Russkiy Mir" (Russische Welt). Beide Konzepte basieren auf drei Säulen, die eng miteinander verwoben sind.

Die erste Säule ist die Geschichte: die Idee, dass das serbische beziehungsweise russische Volk eine historische Einheit bildet, die über staatliche Grenzen hinausgeht. Die zweite Säule ist der Glauben, verkörpert durch die orthodoxe Kirche als Bindeglied und moralische Autorität. Die dritte Säule ist die Bedrohung: die Konstruktion eines externen Feindes, gegen den die Nation verteidigt werden muss, in diesem Fall der Westen, die NATO und die EU.

Vulin hat das Projekt wiederholt beschrieben:

„Die serbische nationale Interest schließt ein: ein souveränes Serbien, die 'Serbische Welt' und militärische Neutralität. Kosovo und Metohija innerhalb der Staatsgrenzen und die Weigerung, traditionelle Freundschaften aufzugeben."

Und konkreter:

„Jeder Schritt, den wir in Richtung EU tun, führt uns weiter weg von Serbien, von unserer Souveränität und von unseren Freunden. Die EU verlangt Konzessionen, von Kosovo, von unseren Freunden, von unserer Politik. Sie werden uns zwingen, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren, sie werden verlangen, dass die Serbisch-Orthodoxe Kirche auf das Niveau einer NGO reduziert wird."

Im November 2024 sagte Vulin öffentlich:

„Das Projekt der 'Großserbien' ist gestartet und kann nicht mehr gestoppt werden."

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Russkiy Mir: Das Vorbild

Um „Srpski Svet" zu verstehen, muss man „Russkiy Mir" verstehen. Putins Konzept der „Russischen Welt" wurde in den 2000er Jahren formuliert und diente als ideologische Grundlage für eine Reihe von militärischen Operationen. Die Annexion der Krim 2014 wurde offiziell zum Schutz der „russischen Weltbevölkerung" deklariert. Dieselbe Legitimation lieferte den Rahmen für die Intervention im Donbass ab 2014, wo der Schutz der „russischsprachigen Bevölkerung" als Rechtfertigung diente. Und 2022 folgte die volle Invasion der Ukraine, die Moskau offiziell als „Operation zum Schutz der russischen Welt" bezeichnete.

Die Struktur ist identisch: Eine Nation, die über staatliche Grenzen hinausgeht, mit dem Recht, ihre „Landsleute" überall zu schützen, notfalls militärisch. Die orthodoxe Kirche als Legitimationsinstanz. Der Westen als existenzielle Bedrohung.

„Srpski Svet" überträgt dieses Modell auf Serbien. Die „serbische Nation" existiert nicht nur in Serbien, sondern auch in der Republika Srpska, in Montenegro, in Nordmazedonien, in Kosovo. Das „Schutzrecht" für diese Serben rechtfertigt, potenziell, militärische oder hybride Operationen. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche liefert die sakrale Überhöhung. Und der Westen, NATO und EU, bleibt der Feind.


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Die All-Serb Assembly: Die institutionelle Geburtsstunde

Am 8. Juni 2024 fand in Belgrad die All-Serb Assembly (Svesrpski Sabor) statt. Unter dem Slogan „Ein Volk, eine Versammlung, Serbien und Srpska" versammelten sich die Spitzen der serbischen politischen und religiösen Welt. Aleksandar Vučić, Präsident Serbiens, stand neben Milorad Dodik, dem Präsidenten der Republika Srpska. Željka Cvijanović, das serbische Mitglied im Staatspräsidium Bosniens, war ebenso anwesend wie Radovan Višković, Premierminister der RS, und Nenad Stevandić, Parlamentssprecher der RS. Ana Brnabić, Präsidentin der serbischen Nationalversammlung, komplettierte die politische Führung. Patriarch Porfirije der Serbisch-Orthodoxen Kirche verlieh dem Ganzen den sakralen Segen. Dazu kamen Vertreter von Serben aus Montenegro, Nordmazedonien und der Diaspora.

Die Versammlung verabschiedete eine Deklaration zum Schutz der nationalen und politischen Rechte und der gemeinsamen Zukunft des serbischen Volkes. In 49 Punkten formulierte sie, dass das serbische Volk „eine einzige Entität" sei. Kosovo-Metohija wurde als „ein untrennbarer Teil der Republik Serbien" deklariert. Die RS und Serbien sollen ihre Institutionen „vereint und koordiniert" einsetzen. Und die Versammlung solle alle zwei Jahre zusammentreffen.

Offiziell wurde die Sezession der RS nicht erwähnt. Vučić betonte, die Deklaration respektiere das Dayton-Abkommen. Aber die Substanz war eindeutig: Es war die institutionelle Rahmen für den „Srpski Svet", die organisatorische Klammer zwischen Serbien und der RS, die eine Parallelstruktur zum Zentralstaat Bosnien schafft.


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Die Russische Historische Gesellschaft: Der ideologische Unterbau

Im Oktober 2024 gründete Vulin in Belgrad die Russische Historische Gesellschaft, offiziell zur „Pflege der gemeinsamen historischen Erinnerung der brüderlichen russischen und serbischen Völker". Bei der Gründung anwesend: Vertreter der serbischen Staatsinstitutionen, der Serbisch-Orthodoxen Kirche und einer Moskauer Organisation mit Verbindungen zur Putin-Administration.

Die Reden betonten die „Notwendigkeit, die gemeinsame historische Erinnerung an die brüderlichen Völker zu bewahren". In der Praxis war es die Schaffung eines ideologischen Unterbaus für den „Srpski Svet", einer Erzählung, die serbische Identität mit Moskaus Achse verschmilzt.

Die Analyse-Plattform *The Balkan Report* beschreibt es so:

„Vulins Worte über einen 'friedlichen Kampf für die Schaffung des Srpski Svet' sind bewusst widersprüchlich. Er spricht nicht von einem militärischen Krieg, sondern von einem ideologischen, kulturellen und identitären, einer weichen Offensive, die ein Projekt normalisieren soll, das in der Praxis schwere politische Konsequenzen trägt."

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BRICS statt EU

Vulin hat wiederholt gefordert, Serbien solle seine EU-Beitrittsambitionen aufgeben und sich stattdessen BRICS anschließen. Auf einer Konferenz „BRICS, Serbien unter Freunden" im serbischen Parlament sagte er:

„BRICS stellt keine Bedingungen, anders als Brüssel. Jeder Schritt in Richtung EU führt uns weiter weg von Serbien, von unserer Souveränität und von unseren Freunden."

Der russische Botschafter in Serbien, Aleksandr Botsan-Kharchenko, unterstützte die Konferenz offen und erklärte, BRICS werde eine „Schlüsselrolle beim Aufbau einer multipolaren Weltordnung" spielen.

Dodik, der bei einem BRICS-Gipfel in Kasan anwesend war, bot an, dass sich die RS „in einem Format beteiligen könnte, das diese Möglichkeit erlaubt". Und er lehnte Sanktionen gegen Russland ab und verweigerte die Einführung von Visapflichten für russische Staatsbürger.


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Die Vučić-Vulin-Dynamik

Vučić distanziert sich öffentlich von Vulins extremster Rhetorik, aber er profitiert davon. Vulin sagt das, was Vučić nicht sagen kann, ohne seine westlichen Beziehungen zu gefährden. Es ist ein kalkuliertes Doppelspiel.

Auf der einen Seite verhandelt Vučić mit der EU über Mitgliedschaft, empfängt westliche Investitionen und sitzt in München auf Sicherheitskonferenzen. Auf der anderen Seite reist Vulin nach Moskau, trifft Putin, propagiert BRICS und ruft nach „Großserbien". Beide dienen demselben Ziel: der Maximierung serbischer Macht durch die Ausnutzung beider Blöcke. Solange die EU Angst vor einem serbischen Schwenk zu Russland hat, gibt sie Vučić Konzessionen. Solange Russland glaubt, Serbien sei ein Verbündeter, liefert es diplomatische Deckung.

Dodik wiederum ist der Nutznießer beider Seiten, geschützt von Moskau, finanziert von Belgrad, gedeckt von Budapest.


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Die Frage nach dem „Wer"

Wer steckt also hinter der Reaktivierung des serbischen Nationalismus? Es ist nicht eine einzelne Person, sondern ein Netzwerk:

AkteurRolle
Wladimir PutinStrategischer Sponsor, diplomatischer Schutz, ideologisches Vorbild (Russkiy Mir)
Aleksandar VulinIdeologischer Architekt des „Srpski Svet", Moskaus Mann in Belgrad
Aleksandar VučićTaktischer Koordinator, Doppelstrategie EU/Russland
Milorad DodikOperativer Vollstrecker in Bosnien, Sezessionsmaschine
Viktor OrbánEU-interner Schutzschild, blockiert Sanktionen, investiert in RS
Serbisch-Orthodoxe KircheSakrale Legitimation, Identitätsstiftung
Russische Historische GesellschaftIdeologischer Unterbau, Narrative-Produktion

Dies ist kein Zufall, sondern ein geopolitischer Bauplan, und Bosnien ist das Schlachtfeld.


Srpski Svet: Putins Spiegel im Balkan, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Recherche

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Der nächste Schritt

Der „Srpski Svet" ist nicht nur ein serbisches Projekt. Er ist ein Baustein in einer größeren Architektur, einer Architektur, die darauf abzielt, die westliche Ordnung in Europa zu untergraben, EU- und NATO-Erweiterung zu blockieren und „managed instability" als Instrument der Kontrolle zu etablieren.

Im nächsten Teil: Wie der „Great Reset", im Sinne der geopolitischen Umstrukturierung, die nationale Frage instrumentalisiert, warum die Blockade Bosniens kein Zufall ist, und wie Ethnonationalismus als Werkzeug der Kontrolle eingesetzt wird.


*Quellen: AP News, RFE/RL, New Eastern Europe, The Balkan Report, Brussels Watch, BGNES, Kremlin.ru, Carnegie Endowment, DTT-NET, Stanford FSI (2024–2026)*

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