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Geopolitik16. Juni 2026ca. 10 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Das Medien-Framing – Wie der 'Clash of Civilizations' zur Selbsterfüllenden Prophezeiung wurde

Der 'muslimische Feind' taucht genau dann auf, wenn ein Krieg rechtfertigt werden muss. Zwischen den Kriegen verschwindet er fast vollständig.

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Ongoing conflicts around the world in 2021

1996 veröffentlichte Samuel Huntington sein Buch „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order". Seine These: Nach dem Ende des Kalten Krieges würden die Konflikte der Zukunft nicht mehr zwischen Nationen oder Ideologien stattfinden, sondern zwischen Kulturen, vor allem zwischen dem Westen und der islamischen Welt.

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Das Framing-Geschäft

Framing ist die Kunst, ein Ereignis so zu beschreiben, dass der Leser eine bestimmte Schlussfolgerung zieht. Nicht durch Lügen. Sondern durch Auswahl.

Wenn ein weißer Attentäter in Norwegen 2011 77 Menschen ermordet, wird er als „einzelner Wolf" dargestellt, der psychisch krank war. Wenn ein Attentäter mit muslimischem Hintergrund in Paris zuschlägt, wird er als Teil eines globalen „Dschihad-Netzwerks" dargestellt, oft noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind. Das ist kein Zufall. Es ist ein Muster, das sich über Jahre und Jahrzehnte verfestigt hat.

Die Think-Tank-Pipeline

Amerikanische und europäische Medien zitieren täglich „Experten" aus Denkfabriken, ohne deren Finanzierung zu prüfen. Die Foundation for Defense of Democracies (FDD) wurde nach 9/11 gegründet und wird von US-Verteidigungsunternehmen und pro-israelischen Spendern finanziert. FDD-Analysten erscheinen regelmäßig in CNN, Fox und der New York Times, um gegen den Iran zu argumentieren. Ihre Expertise wird selten hinterfragt, ihre Finanzierung noch seltener.

Das Washington Institute for Near East Policy (WINEP) wurde von AIPAC gegründet, dem mächtigsten pro-israelischen Lobbyverband der USA. Seine Analysten definieren, was in Washington als „Nahost-Expertise" gilt. Wer in den Medien als Nahost-Experte auftritt, hat oft eine WINEP-Vergangenheit. Das Hudson Institute, finanziert von Rüstungskonzernen wie Northrop Grumman, produziert Analysen, die militärische Interventionen rechtfertigen.

Diese Think Tanks sind keine neutralen Forschungsinstitute. Sie sind PR-Agenturen für geopolitische Interessen. Und die Medien zitieren sie als unabhängige Quellen, ohne nach den Geldgebern zu fragen.


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9/11: Der Katalysator

Vor dem 11. September 2001 gab es den „Islamischen Terror" in den westlichen Medien kaum als Kategorie. Nach dem 11. September wurde er zur dominanten Erzählung, die fast alles andere überlagerte.

Die Zahlen zeigen das Framing: Eine Studie des Arab American Institute fand heraus, dass zwischen 2001 und 2015 Muslime in US-Medien fast ausschließlich im Kontext von Terrorismus erwähnt wurden. Positive Berichterstattung über muslimische Ärzte, Wissenschaftler oder Bürgerrechtler war marginal, fast vernachlässigbar gegenüber der Flut an Terror-Berichten.

Doch der interessantere Befund: Das Feindbild verschwand zwischen den Kriegen fast vollständig. Zwischen 2003 und 2011, während des Irak-Krieges, dominierte der „Irak" als Schlagwort. Die Berichterstattung drehte sich um Einschläge, Truppenabzüge und politische Lösungen, nicht um den Islam als solchen. Nach dem Abzug der US-Truppen 2011 kehrte das „Islamische Feindbild" zurück, genau rechtzeitig für den Syrien-Krieg und den Aufstieg des IS. Plötzlich waren die Schlagworte wieder da: Kalifat, Dschihad, Bedrohung.

Der „muslimische Feind" ist kein permanentes Phänomen. Er ist ein Werkzeug, das genau dann geschärft wird, wenn ein Krieg finanziert oder ein Gesetz durchgesetzt werden muss. Und er wird entsorgt, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Das ist die Mechanik, die hinter der scheinbar spontanen Berichterstattung steht.


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Die Instrumentalisierung: Einmal Feind, einmal Opfer

Das gleiche Islam-Framing dient zwei Zwecken, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, bei näherem Hinsehen aber dieselben Interessen bedienen.

Als Feindbild im Kontext von Terror werden Organisationen wie Al-Qaida, der IS und die Taliban als globale Bedrohung dargestellt. Dieses Narrativ rechtfertigt Kriege, Überwachung und steigende Militärbudgets. Der Patriot Act, die Massenüberwachung und die Drohnenkriege basieren auf diesem Framing.

Als Bedrohung im Kontext von Migration wird die „Islamisierung Europas" und die „Große Ersetzung" beschworen. Dieses Narrativ rechtfertigt Grenzmauern, Abschiebungen und Rechtspopulismus. Beide Narrative dienen denselben Interessen: der Verteidigungsindustrie, die Waffen verkauft, den Grenzschutzagenturen, die Budgets brauchen, und den politischen Parteien, die Angst wählen lassen.

Die Ironie ist offensichtlich: Die Menschen, die vor dem „islamischen Terror" fliehen, werden in Europa als „islamische Bedrohung" dargestellt. Ein und dieselbe Religion dient als Feindbild im Nahen Osten und in Europa, nur mit anderer Verpackung. Wer das Muster erkennt, fragt nicht mehr, welcher Islam gefährlich ist, sondern wer davon profitiert, die Angst zu schüren.


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Algorithmen als Verstärker

Das Framing funktioniert heute nicht nur durch Zeitungen und Fernsehen. Es funktioniert durch Algorithmen, die unsichtbar entscheiden, was wir sehen und was nicht.

Social-Media-Plattformen wie Facebook, YouTube und TikTok belohnen Engagement. Wut, Angst und Schock erzeugen mehr Klicks als Nuancen. Ein Video, das Muslime als Bedrohung darstellt, wird häufiger geteilt als ein Video, das muslimische Ärzte in Krankenhäusern zeigt. Die Plattformen sind nicht neutral. Sie sind Unternehmen, die Werbeeinnahmen maximieren. Und Werbeeinnahmen steigen mit der Aufmerksamkeitsökonomie der Angst.

Die Algorithmen verstärken das Framing automatisch, ohne dass ein einzelner Journalist oder Redakteur eine Anweisung gibt. Die Frances-Haugen-Papiere, 2021 als Facebook Papers bekannt geworden, haben das dokumentiert. Die Plattform wusste, dass polarisierende Inhalte das Engagement steigern, und sie griff trotzdem nicht ein. Die Infrastruktur der Angst ist automatisiert.


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Der faire Einwand

Es gibt tatsächlich islamistische Terrororganisationen. Der IS existierte. Al-Qaida existierte. Der 11. September war ein reeller Anschlag, getragen von einer radikalen Ideologie. Die Gefahr zu leugnen, wäre genauso falsch wie ihre Übertreibung.

Doch die Frage ist die Quantität und die Einordnung. Wie viele Menschen sterben weltweit durch islamistischen Terror? Wie viele durch Verkehrsunfälle? Durch Schusswaffen in den USA? Durch staatliche Gewalt? Die Antwort: Der islamistische Terror ist eine reale Gefahr, aber statistisch marginal gegenüber anderen Risiken. Er wird systematisch überschätzt, weil er politisch nützlich ist. Und weil er sich medial besser verkaufen lässt als eine Statistik über Verkehrstote.


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Medien als Filter und das Clash-Instrument

Medien sind keine Spiegel der Realität. Sie sind Filter. Redakteure, Algorithmen, Eigentümer und Werbekunden entscheiden, was gefiltert wird. Die Auswahl geschieht durch Bildsprache, Titelschreibung und die Auswahl der zitierten Experten. Warum wird gefiltert? Weil bestimmte Narrative Macht und Geld generieren, andere nicht.

Der „Clash of Civilizations" ist kein analytisches Werkzeug. Er ist ein politisches Instrument. Er macht aus komplexen Konflikten um Ressourcen, Grenzen und Macht eine Geschichte über Religion. Und Religion ist leichter zu verstehen, und leichter zu hassen, als Pipeline-Verträge und Produktionsteilungsabkommen.


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Der Punkt, der bleibt

Wenn du einen Menschen dazu bringen willst, einen Krieg zu unterstützen, erzähl ihm nicht von Ölverträgen. Erzähl ihm von Religion. Von Werten. Von der Bedrohung seiner Zivilisation.

Huntington hat das verstanden. Die Mächtigen haben es verstanden. Der Sigma muss es auch verstehen, um zu erkennen, wann er manipuliert wird.

Quellen

Die Recherche stützt sich auf Samuel Huntingtons *The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order* (1996), eine Studie des Arab American Institute zur Mediendarstellung von Muslimen (*The Consequences of Media Stereotyping*, 2015) sowie auf Analysen von Fairness & Accuracy In Reporting (FAIR) zu Think-Tank-Zitaten in US-Medien (2019). Ergänzt wird dies durch den Bericht des Revolving Door Project zur Finanzierung von Think Tanks durch Rüstungsunternehmen (*Defense Contractor Funding of Foreign Policy Think Tanks*, 2021) und die Facebook Papers der Whistleblowerin Frances Haugen (2021) zur algorithmischen Verstärkung polarisierender Inhalte.

Dieser Artikel ist Teil der Serie *Blut für Öl*. ← Teil 3: Wer schafft Migration? | Teil 5: Die Israel-Lobby und US-Außenpolitik

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