Geopolitik11. Februar 2026ca. 10 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026
Die Architekten – Wer die Kriege vorhersagte und anordnete
Ein Plan von 1996. Ein Auftritt 2002. Ein Krieg 2003.

Die Geschichte des Nahen Ostens im 21. Jahrhundert wird oft als eine Geschichte des Chaos erzählt: Arabischer Frühling, Bürgerkriege, der Aufstieg des IS, Massenflucht und der Zerfall ganzer Staaten. Was dabei selten erwähnt wird, ist dass dieses Chaos einem Plan folgte, und dieser Plan wurde aufgeschrieben, bevor das erste Feuer fiel.
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„A Clean Break": Das Strategiepapier von 1996
Im Jahr 1996, während Benjamin Netanyahus erster Amtszeit als israelischer Premierminister, entstand ein Dokument. Es trug den Titel „A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm", auf Deutsch etwa: Ein sauberer Bruch, eine neue Strategie zur Sicherung des Reiches.
Es wurde verfasst vom Institute for Advanced Strategic and Political Studies, einer neokonservativen Denkfabrik. Die Autoren waren keine Außenseiter. Richard Perle, ehemaliger US-Assistant Secretary of Defense, leitete das Team. Douglas Feith, später Under Secretary of Defense unter George W. Bush, war ebenfalls dabei. David Wurmser, später Middle East Advisor im State Department, und Meyrav Wurmser, Mitbegründerin des Middle East Media Research Institute, rundeten die Gruppe ab. Charles Fairbanks Jr., Professor an der Johns Hopkins University, und James Colbert vom IASPS komplettierten das Autorenteam. Was hier auffällt: Dieselben Personen, die das Papier schrieben, saßen wenige Jahre später in Schlüsselpositionen der US-Regierung. Die Denkfabrik war keine akademische Übungsstätte, sondern eine Personalreserve für die nächste Administration.
Das Dokument war ein Strategiepapier für die israelische Regierung. Seine zentrale Empfehlung lautete, Saddam Hussein aus dem Irak zu entfernen, um Syrien zu schwächen, den Iran zu isolieren und Israel strategische Vorherrschaft in der Region zu verschaffen. Das war kein Randgedanke, sondern der Kern des gesamten Papiers.
Das Papier argumentierte, Israel solle nicht mehr auf Land-zu-Land-Verhandlungen setzen, sondern auf regionale Machtprojektion. Ein demokratischer, pro-westlicher Irak würde Israel sicherer machen als jedes Friedensabkommen. Das Papier empfahl zudem, die Beziehungen zur Türkei und zu Jordanien zu stärken, um ein pro-westliches Bündnis gegen Syrien und den Iran aufzubauen. Die Oslo-Verträge wurden im Papier als gescheitert betrachtet, und Yasser Arafat wurde als Feind eingestuft, mit dem man nicht verhandeln könne. Die Empfehlung war also nicht nur militärisch, sondern umfasste eine komplette außenpolitische Neuorientierung, die auf Macht statt auf Diplomatie setzte.
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Netanyahu vor dem US-Kongress (2002)
Sechs Jahre später, im September 2002, kurz vor der US-Invasion im Irak, trat Benjamin Netanyahu vor einen Ausschuss des US-Kongresses. Er sollte die amerikanischen Abgeordneten davon überzeugen, dass ein Krieg im Irak richtig und notwendig war.
Seine Worte:
„If you take out Saddam, Saddam's regime, I guarantee you that it will have enormous positive reverberations on the region."
Er sagte weiter:
„The question is not whether the option of removing Saddam exists. It does. The question is whether we have the will to use it."
Netanyahu war kein zufälliger Redner. Er war der Mann, für den das Clean-Break-Papier geschrieben worden war, und dessen Strategie von einem Team aus US-Neokonservativen entworfen worden war, von denen einige bereits in die Bush-Administration eingetreten waren. Er trat vor den Kongress, um das zu fordern, was das Papier von 1996 empfohlen hatte. Der Kreis schloss sich: Die Denkfabrik hatte den Plan geschrieben, die Regierung hatte die Leute gestellt, und der israelische Premier lieferte die öffentliche Argumentation.
Die Invasion begann sechs Monate später.
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Kerrys Erinnerung (2015)
2015, während der Debatte über das Iran-Atomabkommen, erinnerte US-Außenminister John Kerry den Kongress an Netanyahus frühere Prognosen:
„Secretary Kerry reminded Americans that Prime Minister Netanyahu of Israel, who is expected to denounce a potential nuclear deal with Iran during an address to Congress next week, also visited Washington in late 2002 to lobby for the invasion of Iraq."
Kerry wies darauf hin, dass Netanyahus Beurteilung aus dem Jahr 2002 falsch gewesen war. Der Sturz Saddams hatte nicht die erhofften „positive reverberations" ausgelöst. Stattdessen destabilisierte er den Irak vollständig. Der Aufstieg al-Qaidas im Irak wurde ermöglicht, und daraus erwuchs später der IS. Hunderttausende Tote waren die direkte Folge, dazu eine Massenflucht in die Millionenhöhe, die Europa bis heute beschäftigt. Die gesamte Region stürzte ins Chaos, und die Folgen sind bis heute nicht bewältigt. Was als Befreiung verkauft wurde, wurde zur Geburt eines neuen Terrors.
Die Dimension des Fehlers lässt sich in Zahlen fassen, die bis heute nicht abschließend erhoben sind. Schätzungen der Iraq Body Count, einer unabhängigen Organisation, die zivile Opfer auf der Grundlage von Medienberichten und offiziellen Quellen dokumentiert, kommen auf weit über hunderttausend gewaltsame Tote allein unter Zivilisten. Die Gesamtopferzahl, inklusive militärischer Verluste und indirekter Folgen wie zerstörter Infrastruktur, medizinischer Unterversorgung und Vertreibung, liegt nach Schätzungen verschiedener Studien im Bereich einer halben Million Menschen. Der Irak, der vor 2003 ein autoritärer, aber funktionsfähiger Staat gewesen war, zerfiel in seine konfessionellen Bestandteile. Die sunnitische Minderheit, die unter Saddam die Staatsmacht innegehabt hatte, wurde marginalisiert und traumatisiert, und genau aus dieser Marginalisierung rekrutierte sich der IS. Die irakischen Streitkräfte, die die Amerikaner 2003 aufgelöst hatten, gaben hunderttausenden jungen Männern keine Perspektive, und viele von ihnen wandten sich bewaffneten Gruppen zu. Die Fluchtbewegung, die 2015 ihren Höhepunkt erreichte und Europa politisch erschütterte, war eine direkte Spätfolge der Zerstörung des irakischen und später des syrischen Staates.
Netanyahus Antwort auf die Kritik bestand in einer rhetorischen Differenzierung: Er behauptete, er habe nicht den Irak-Krieg vorhergesagt, sondern nur die Notwendigkeit des Regimewechsels betont. Die Unterscheidung war formal korrekt, inhaltlich aber bedeutungslos, denn der Regimewechsel war der Krieg.
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Was der Plan wirklich sagte
Das Clean-Break-Papier ist kein geheimes Dokument. Es ist öffentlich zugänglich und kann von jedem gelesen werden. Seine Logik ist nüchtern und kalt: Israel ist umgeben von Feinden, und Frieden durch Verhandlung ist langsam und unsicher. Die Feinde sind miteinander vernetzt: Syrien, der Irak, der Iran, Hisbollah und Hamas bilden ein Achsennetzwerk. Der schwächste Knoten in diesem Netzwerk ist der Irak. Ein pro-westlicher Irak würde Syrien und den Iran isolieren. Also lautet die Empfehlung: Regime Change im Irak, nicht als Selbstzweck, sondern als Hebel für die gesamte Region.
Das Papier sprach davon, Syrien zurückzudrängen („rolling back Syria"), Syrien zu schwächen und einzudämmen („weakening and containing Syria") und Saddam Hussein aus der Macht zu entfernen („removing Saddam Hussein from power in Iraq") als explizites, benanntes Ziel. All das stand schwarz auf weiß in einem öffentlichen Strategiepapier, das exakt das forderte, was 2003 geschah.
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Die Lektion für den Kodex
Der Sigma liest Geschichte als Abfolge von Plänen, deren Ausführung und deren Folgen. Der Clean-Break-Fall zeigt diesen Mechanismus mit besonderer Deutlichkeit.
Pläne existieren, bevor Kriege beginnen. Sie werden in Denkfabriken geschrieben, deren Mitglieder später in Regierungen sitzen und dieselben Pläne umsetzen. Pläne werden öffentlich verkündet: Netanyahu trat 2002 vor den Kongress, und das Papier von 1996 war online. Die Öffentlichkeit sah es, oder sie sah weg. Pläne werden ausgeführt, unabhängig von ihren Folgen. Der Irak-Krieg folgte dem Plan, nicht einer Prophezeiung, sondern der Logik der Macht. Und Fehlprognosen haben keine Konsequenzen. Netanyahu wurde nicht zurückgepfiffen, er wurde wiedergewählt, und zwar stärker als zuvor.
Das ist der Mechanismus, der den Sigma interessiert: nicht der einzelne Bösewicht, sondern die Struktur, in der Pläne geschrieben, verkündet, ausgeführt und danach von niemandem zur Rechenschaft gezogen werden. Wer diese Struktur versteht, kann künftige Kriege nicht vorhersagen, aber er kann erkennen, woher ihre Pläne kommen.
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Quellen
Wikipedia: A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm. Vox (2015): „Benjamin Netanyahu's not-so-prescient 2002 message to Congress". NYT (2015): „Kerry Reminds Congress Netanyahu Advised U.S. to Invade Iraq". C-Span: Netanyahu vor dem US-Kongress 2002. The Friday Times (2026): „Netanyahu's Clean Break Doctrine and the Fracturing of the Muslim World". Nazmino.net: „A Clean Break: A Plan for Expanding War in the Middle East".
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