Zurück zum Blog

Geopolitik14. Juli 2026ca. 10 Min. Lesezeit

Greater Israel – Smotrich, Ben-Gvir und das Expansionsprojekt

„Es steht geschrieben, dass die Zukunft Jerusalems darin besteht, sich bis Damaskus auszudehnen." – Bezalel Smotrich, Finanzminister Israels

greater-israelsmotrichbengvirnetanyahuexpansionwestjordanlandsiedlerisrael

Welche Politiker treiben das Projekt Groß-Israel voran? Smotrich fordert Grenzerweiterungen in Syrien, Libanon und dem Westjordanland. Ben-Gvir bewaffnet Siedler und nennt auf X für Libanon „Brennen". Netanyahu präsentierte eine Karte, die das Westjordanland vollständig annektiert. Die Dokumentation der Akteure und ihrer Aussagen.

01 / 10

Was ist „Greater Israel"?

„Greater Israel" – Groß-Israel – ist ein expansionistisches zionistisches Projekt, das auf der biblischen Verheißung in Genesis 15:18-21 basiert, in der Gott Abraham und seinen Nachkommen das Land zwischen dem Nil in Ägypten und dem Euphrat in Syrien verspricht.

Es gibt verschiedene Auslegungen:

Die moderate Variante: Israel soll die Gebiete umfassen, die es 1967 besetzte – das Westjordanland, Ost-Jerusalem, Gaza, die Golanhöhen. Das ist die Position der meisten israelischen Rechten.

Die maximale Variante: Israel soll das gesamte biblisch verheißene Land umfassen – vom Nil bis zum Euphrat, einschließlich Teilen Ägyptens, Jordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak. Das ist die Position der religiösen Hardliner.

Die moderate Variante war lange eine Randposition. Die maximale Variante war eine Fringe-Idee. Beide sind jetzt in der israelischen Regierung.

02 / 10

Bezalel Smotrich – Finanzminister und Siedler-Ideologe

Bezalel Smotrich ist Israels Finanzminister, Minister in der Verteidigungsbehörde mit weitreichenden Befugnissen über zivile Angelegenheiten im Westjordanland, und Vorsitzender der Religiös-Zionistischen Partei. Er ist Siedler. Er hat gesagt: „Es gibt kein solches Ding wie ein palästinensisches Volk."

Die Rede vom 9. April 2026

Bei der Einweihung einer neuen illegalen Westbank-Siedlung, Maoz Tzur, hielt Smotrich eine Rede, die international als Beleg für das Groß-Israel-Projekt interpretiert wurde. Er sagte:

„Wir haben einen starken militärischen Arm mit bedeutenden Erfolgen, alongside einer entscheidenden politischen Phase in Judäa und Samaria, die die Idee der Teilung des Landes und der Gründung eines Terrorstaates im Herzen des Landes ablehnt."

Und dann:

„Es wird eine politische Komponente geben, die das Ergebnis in Gaza vollendet, eine, die unsere Grenzen erweitert. Es wird eine politische Komponente im Libanon geben, die unsere Grenzen bis zum Litani-Fluss in verteidigbare Linien ausdehnt. Es wird auch eine politische Dimension in Syrien geben, am Berg Hermon und mindestens innerhalb der Pufferzone."

Das sagte der Finanzminister Israels. Er forderte Grenzerweiterungen in Gaza, im Libanon und in Syrien. Er sprach von „Judäa und Samaria" – dem israelischen Begriff für das besetzte Westjordanland – und lehnte eine Teilung des Landes ab.

Die Karte in Paris

Im März 2023 verursachte Smotrich diplomatische Turbulenzen, als er bei einer Gedenkveranstaltung in Paris hinter einem Rednerpult stand, auf dem eine Karte von „Groß-Israel" abgebildet war – inklusive Jordaniens.

Jordanien verurteilte den Vorfall. Smotrich sagte, die Karte sei „historisch" und keine politische Aussage. Aber die Botschaft war klar.

„Bis Damaskus"

In einem Arte-Dokumentarfilm 2024 sagte Smotrich:

„Es steht geschrieben, dass die Zukunft Jerusalems darin besteht, sich bis Damaskus auszudehnen."

Das ist kein politisches Programm. Das ist eine theologische Landnahme-Ansprache. Und sie kommt vom Finanzminister eines Landes, das über Atomwaffen verfügt.

Die Annexion des Südlibanon

Im März 2026 forderte Smotrich die Annexion des Südlibanon. Das berichtete Deutsche Welle. Es war nicht die erste Forderung dieser Art – aber es war das erste Mal, dass sie von einem amtierenden Minister öffentlich geäußert wurde.

30 neue Siedlungen

In derselben Rede bei der Einweihung von Maoz Tzur prahlte Smotrich, dass „dreißig Gemeinden in Binyamin allein" seit Regierungsantritt „vorangetrieben" wurden. Er fügte hinzu:

„Was bemerkenswert ist, ist, dass sie nicht auf dem Papier oder in Kabinettsbeschlüssen bleiben; durch volle Partnerschaft werden sie zu Straßen, temporärem Wohnen, permanenten Häusern, Familien und Kindern."

Das ist die Praxis: Siedlungen werden nicht nur beschlossen, sie werden gebaut. Mit Straßen, Häusern, Familien. Auf palästinensischem Land.

03 / 10

Itamar Ben-Gvir – Nationaler Sicherheitsminister und Siedler

Itamar Ben-Gvir ist Israels Minister für Nationale Sicherheit. Er ist verantwortlich für die israelische Polizei. Er ist Siedler. Er wurde 2007 wegen rassistischer Aufhetzung gegen Araber verurteilt. Er hat die Täter des Duma-Anschlags von 2015 verteidigt, bei dem Siedler das Haus einer palästinensischen Familie brandbombten und ein Kleinkind tötete.

Bewaffnung der Siedler

Im März 2026 wandelte Ben-Gvir die Bewaffnung von Siedlern in eine organisierte Politik um. Zuvor war das Tragen von Waffen unter selektiven Bedingungen geregelt. Ben-Gvir erweiterte die Bedingungen massiv. Die Bewaffnung wurde zum Instrument eines Projekts der Kontrolle und Repression in Jerusalem und dem Westjordanland.

„Lass es brennen"

Im Juni 2026, nachdem die IDF berichtet hatte, dass vier israelische Soldaten im Südlibanon getötet worden waren, postete Ben-Gvir auf X:

„Lebanon should burn."

„Der Libanon soll brennen." Das postete der nationale Sicherheitsminister eines Landes, das Mitglied der Vereinten Nationen ist.

Teilnahme an Siedler-Razzien

Ben-Gvir nahm persönlich an Razzien in westjordanländischen Dörfern teil. Die Dörfer waren wiederholt und anhaltend von Siedlern angegriffen worden, die palästinensische Bewohner und ihr Eigentum ins Visier nahmen – unterstützt von der israelischen Armee.

Ein Minister, der an Übergriffen auf Zivilisten teilnimmt. In einem Staat, der sich „einzige Demokratie im Nahen Osten" nennt.

Konflikt mit dem IDF-Chef

IDF-Chef Eyal Zamir und Ben-Gvir gerieten über Siedlergewalt im Westjordanland aneinander. Ben-Gvir sagte während der Diskussion: „Jeder, der [Siedler] von einem Ort entfernt, sollte selbst von dort entfernt werden."

Das ist ein Minister, der die Räumung von Siedlern ablehnt – und damit droht, Soldaten zu entfernen, die es tun.

04 / 10

Benjamin Netanyahu – Premierminister

Netanyahu selbst ist vorsichtiger als Smotrich und Ben-Gvir. Aber er hat ihre Parteien in seine Koalition aufgenommen. Er gibt ihnen Ministerposten. Er lässt sie gewähren.

Die Karte

Im September 2024, als er über seine Pläne für „den Tag danach" im Gaza-Krieg sprach, präsentierte Netanyahu eine Karte, die das Westjordanland vollständig annektierte. Keine Zwei-Staaten-Lösung. Kein palästinensischer Staat. Ein Israel vom Mittelmeer bis zum Jordan.

„Sehr verbunden"

Im August 2025 sagte Netanyahu dem israelischen Sender i24NEWS, er sei „sehr verbunden" mit der Vision von „Groß-Israel". Ägypten und Jordanien forderten daraufhin Klarstellungen von Israel.

Die Regierung als Werkzeug

Netanyahu hat die extremste Regierung in Israels Geschichte geführt. Die Siedler-Bewegung ist nicht mehr eine Randgruppe – sie ist in der Regierung. Smotrich kontrolliert die zivile Verwaltung des Westjordanlandes. Ben-Gvir kontrolliert die Polizei. Beide nutzen ihre Positionen zur Expansion.

05 / 10

Die Struktur des Projekts

Das Groß-Israel-Projekt funktioniert auf drei Ebenen:

Ebene 1: Gesetzgebung. Im Februar 2026 billigte das Sicherheitskabinett Maßnahmen, die Verwaltungsbefugnisse im Westjordanland vom Militär auf Regierungsministerien übertrugen. Was zuvor eine de-facto-Annexion war, wurde einen Schritt näher an eine formelle Annexion gerückt.

Ebene 2: Fakten auf dem Boden. Siedlungen werden gebaut, Außenposten werden errichtet, Straßen werden angelegt, palästinensisches Land wird enteignet. Die Peace Now / Kerem Navot-Berichte dokumentieren dies detailliert (siehe nächster Artikel).

Ebene 3: Narrative. Der Begriff „Judäa und Samaria" ersetzt „Westjordanland". „Teilung des Landes" wird abgelehnt. „Palästinensisches Volk" wird geleugnet. Die Besatzung wird als Befreiung, die Annexion als Erlösung gerahmt.

06 / 10

Die internationalen Reaktionen

Im Februar 2026 verurteilten fast 20 Länder in einer gemeinsamen Erklärung Israels „de-facto-Annexionskurs" im Westjordanland als „deliberaten und direkten Angriff" auf die Lebensfähigkeit eines palästinensischen Staates.

Im Februar 2026 sagte der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, dem amerikanischen Talkshow-Moderator Tucker Carlson, es sei „fine", wenn Israel den gesamten Nahen Osten übernähme.

Das ist die internationale Dimension: Europa kritisiert, die USA segeln unter Trump ab. Und Israel nutzt das Fenster.

07 / 10

Uri Tzafon – „Erwache, Norden"

Eine neue Bewegung namens Uri Tzafon („Erwache, oh Norden") wurde mit dem Ziel gegründet, den Südlibanon zu besiedeln. Die Bewegung entstand nach der Ausweitung der israelischen Militäroperationen in Gaza, Syrien, Libanon und Iran.

Siedler-Gruppen haben ihre Ambitionen über das Westjordanland hinaus auf zusätzliche Territorien ausgeweitet. Das ist nicht mehr ein lokaler Konflikt. Es ist ein regionaler Expansionsanspruch.

08 / 10

Der faire Einwand

Man kann argumentieren, dass Smotrich und Ben-Gvir Extremisten sind, die nicht die Mehrheit der israelischen Gesellschaft repräsentieren. Das ist teilweise richtig: Umfragen zeigen, dass die maximale Variante von Groß-Israel in der israelischen Bevölkerung keine Mehrheit findet.

Aber Smotrich und Ben-Gvir sind nicht Randfiguren. Sie sind Minister. Sie haben Macht. Sie verwenden sie. Und Netanyahu gibt ihnen das Rahmen.

Eine Regierung, in der Extremisten Ministerposten haben, ist keine gemäßigte Regierung, die von Extremisten bedrängt wird. Es ist eine extremistische Regierung, die sich hinter gemäßigter Rhetorik versteckt.

09 / 10

Was daraus folgt

Das Groß-Israel-Projekt ist kein Mythos. Es ist eine dokumentierte politische Agenda, die von amtierenden Ministern Israels öffentlich vertreten wird. Sie wird mit Siedlungen, Straßen, Militärbasen und Gesetzen umgesetzt.

Und während Europa über Kallas' Worte streitet, baut Israel im Westjordanland. Und im Libanon. Und in Syrien.

10 / 10

Anschluss

Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

Siedlergewalt und Landraub im Westjordanland 2026

Israeli settlers raiden palästinensische Dörfer, zerstören Wasserversorgungen, besetzen Häuser. Ein Peace Now / Kerem Navot-Bericht dokumentiert: Fast ein Fünftel des Westjordanlandes steht unter Siedler-Außenposten-Kontrolle. Haaretz berichtet über eine Revolution im nördlichen Westjordanland. Die Fakten auf dem Boden.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Geopolitik10 Min.

Siedlergewalt und Landraub im Westjordanland 2026

Ein Fünftel des Westjordanlandes unter Siedler-Kontrolle. 130% mehr Angriffe seit 2023. Und die Welt schaut auf Gaza.

Lesen

Haaretz und israelische Medien – Das Narrativ bricht auf

Israels eigene Medien dokumentieren, was europäische Politiker nicht aussprechen dürfen. Die Kluft ist nicht zwischen Israel und Europa. Sie ist zwischen Realität und Rhetorik.

Lesen
Abstraktes Vorschaubild mit Koalitionshebeln, Ministerien, Sicherheitsapparat und Warnsignal zu Netanjahu, Ben-Gvir und Smotrich

Netanjahu, Ben-Gvir, Smotrich: Pardos Warnung vor dem Pakt

Die radikale Rechte musste nicht Mehrheit werden. Sie musste unverzichtbar werden.

Lesen
Geopolitik: Epstein, Mossad & die Maxwell-Dynastie
Geopolitik12 Min.

Epstein, Mossad & die Maxwell-Dynastie – Das Netzwerk

Jeffrey Epstein war kein Einzelgänger. Er war ein Knotenpunkt – verbunden mit israelischen Geheimdiensten, der Maxwell-Familie und einem Netzwerk aus Milliardären, Politikern und Geheimdienstkontakten.

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn Regierungsmitglieder eines Staates öffentlich die Annexion von Territorien anderer Staaten fordern – warum wird das in Europa nicht als das bezeichnet, was es ist?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic