Geschichte03. August 2026ca. 8 Min. Lesezeit
Srebrenica, Mladićs Tagebuch und die israelisch-serbische Verbindung
In Mladićs Tagebuch steht ein Angebot aus Israel: gemeinsamer Kampf gegen den 'extremen Islam'. Was ist bewiesen, und was nicht?
Am Ende dieser Reihe steht eine Frage, die viele Leser interessiert, aber nur wenige sachlich beantworten: Hängen Serbien, der Islam und der Zionismus im bosnischen Krieg zusammen? Die Spur führt über Ratko Mladić, sein Tagebuch, israelische Waffenlieferungsvorwürfe und die nationalistische Rhetorik des „Serbian Jerusalem".
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Der Eintrag in Mladićs Tagebuch
Im ICTY-Urteil gegen Momčilo Perišić (2011) wurde ein Eintrag aus dem Tagebuch des bosnisch-serbischen Armeechefs Ratko Mladić zitiert. Perišić war Generalstabschef der jugoslawischen Armee (VJ) und wurde unter anderem für Unterstützung serbischer Kräfte in Bosnien verurteilt.
Das Zitat aus Mladićs Tagebuch, wie es im Urteil und in der seriösen Berichterstattung des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) wiedergegeben wird, lautet:
„From Israel – they offer joint combat against extreme Islam – offer the training of our men in Greece at their expense. They offer us special weapons for 500 men – snipers for free – they said it came to Bihac, I don't know whether it was given to Serbia [sic]."
Der ehemalige bosnisch-serbische Verteidigungsminister Dušan Kovačević sagte laut Urteil aus, das israelische Mossad habe ihn im März 1995 kontaktiert, weil „quite a large number of Mujahedin" nach Bosnien-Herzegowina geschickt würden.
Kritische Einschränkung: Das ICTY-Urteil fügte ausdrücklich hinzu, dass keine Beweise vorgelegt wurden, dass das Angebot tatsächlich erfüllt wurde, und Mladićs Eintrag selbst nicht verifiziert werden konnte. Ein Tagebucheintrag ist ein Dokument, kein Beweis seiner eigenen Wahrheit.
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Die israelische Gerichtsakte 2016
2016 reichten der israelische Anwalt Itay Mack und der Historiker Yair Auron beim Obersten Gerichtshof Israels eine Petition ein. Sie forderten die Herausgabe von Akten über israelische Verteidigungsexporte in die Region des ehemaligen Jugoslawiens zwischen 1990 und 1996. Grundlage waren unter anderem Mladićs Tagebucheintrag, Berichte des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD), Zeugenaussagen von Journalisten und Hilfskräften in Bosnien, sowie Funde von Mörsergranaten mit hebräischen Buchstaben in der Nähe von Sarajevo.
Der Oberste Gerichtshof Israels lehnte die Herausgabe ab. Begründung: Die Offenlegung könnte Israels Außenbeziehungen schädigen. Laut BIRN wurde das Verfahren *ex parte* geführt, die Kläger durften die Antwort des Staates nicht einmal anhören.
Mack und Auron legten folgende, allerdings teils umstrittene oder unbewiesene Behauptungen vor: Israel habe Serbien Waffen geliefert, obwohl ein UN-Waffenembargo seit September 1991 galt. Es habe Geheimabkommen im Herbst 1991 gegeben. Ein israelisches Fernsehprogramm im August 1995 berichtete, private israelische Waffenhändler hätten die bosnisch-serbische Armee (VRS) beliefert. Manche Quellen behaupten, Israel habe Waffen gegen die Evakuierung der jüdischen Gemeinde in Sarajevo eingetauscht.
Was unbestritten ist: Der Oberste Gerichtshof verweigerte die Herausgabe. Ob die behaupteten Lieferungen stattfanden, ist nicht öffentlich bewiesen.
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Die NIOD-These: Waffen gegen die jüdische Gemeinschaft?
Der Niederländische NIOD-Bericht über Srebrenica erwähnt eine These, die seitdem kontrovers diskutiert wird: Israel soll im Jahr 1992 Waffen an Serbien geliefert haben, im Gegenzug dafür, dass die bosnisch-serbischen Kräfte der jüdischen Bevölkerung in Sarajevo den Abzug erlaubten.
Die These ist politisch brisant, weil sie Israels Anspruch auf Schutz der Juden mit Waffenlieferungen an Kriegsverbrecher in Verbindung bringt. Sie wird von Historikern wie Auron aufgegriffen, aber bisher nicht durch freigegebene Staatsakten bestätigt. Das israelische Gericht verweigerte die relevanten Unterlagen.
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„Serbian Jerusalem": die religiös-nationalistische Brücke
Parallel zu den Waffenverdächtigungen entstand in den 1980er und 1990er Jahren eine ideologische Brücke zwischen serbischem und israelischem Nationalismus. Ihr Protagonist: der serbische Schriftsteller und Politiker Vuk Drašković.
In seinem offenen Brief an die Schriftsteller Israels (1985) schrieb Drašković, die Serben seien der „dreizehnte, verlorene und unglücklichste Stamm Israels". Er verglich Kosovo mit Jerusalem: beides heilige Länder, umkämpft gegen Muslime, verteidigt von einem auserwählten, verfolgten Volk.
Diese Rhetorik wurde später in den 1990ern verstärkt. Serben und Juden wurden als „Märtyrervölker" dargestellt, verfolgt von Nazis und Muslimen. Kosovo galt als „Serbian Jerusalem". Vergleiche mit Masada wurden bemüht: Selbstmord statt Kapitulation vor dem Feind. Der Feind sei nicht nur albanisch, sondern islamisch.
Das war keine kirchenamtliche Doktrin, sondern nationalistische Propaganda. Sie diente dazu, den serbischen Anspruch auf Kosovo und Bosnien mit religiös-mythischer Legitimation zu versehen.
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Der Anti-Islam-Aspekt: Zivilisation oder Propaganda?
Die Draškovićsche Rhetorik baute auf dem bereits in Teil 6 beschriebenen „Poturica"-Feindbild auf. Doch jetzt wurde der Feind nicht mehr als verräterischer Slawe gesehen, sondern als Islam. Das passte in den globalen Diskurs der 1990er Jahre und wird bis heute von bosnisch-serbischen Politikern wie Milorad Dodik wiederholt.
Bei Besuchen in Jerusalem und Washington hat Dodik wiederholt von einem „judeo-christlichen" Bollwerk gegen den Islam gesprochen. Er stellte Republika Srpska als Verteidigerin dieser Zivilisation dar. Diese Rhetorik ist populär in Teilen der internationalen Rechten, aber sie ist eine politische Strategie, keine historische Analyse.
Aber Vorsicht: Die Tatsache, dass serbische Nationalisten Israel instrumentalisierten, bedeutet nicht, dass Israel den bosnischen Krieg führte oder den Genozid von Srebrenica „befohlen" hat. Es bedeutet, dass im zerfallenen Jugoslawien verschiedene Akteure einander fanden: Serbien, das Waffen und Legitimation suchte, israelische private oder staatliche Kreise, die im anti-islamischen Klima der frühen 1990er Geschäfte sahen, und ein religiös-nationalistisches Narrativ, das beide Seiten ideologisch verband.
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Was ist bewiesen, und was nicht?
Dokumentiert im ICTY-Urteil Perišić ist, dass Mladić ein israelisches Angebot zu Waffen und Training notierte. Ebenfalls im ICTY-Urteil findet sich die Zeugenaussage, dass Kovačević vom Mossad wegen Mujahedin kontaktiert wurde. Dass das Angebot tatsächlich erfüllt wurde, ist jedoch nicht bewiesen, laut ICTY selbst.
Dass Israel Waffen an Serbien während des Embargos lieferte, ist unbelegt, aber Gegenstand von Gerichtsverfahren. Dass israelische Waffenhändler die VRS belieferten, ist berichtet, aber nicht offiziell bestätigt. Die These, Waffen seien gegen die Evakuierung der jüdischen Gemeinde Sarajevos getauscht worden, ist eine Hypothese und nicht bewiesen. Dass Mörsergranaten mit hebräischen Buchstaben in Sarajevo gefunden wurden, ist berichtet laut NIOD-Bericht und Medien. Dass der israelische Oberste Gerichtshof die Herausgabe von Akten 2016 ablehnte, ist dokumentiert.
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Fazit
Mladićs Tagebucheintrag und die israelischen Gerichtsverfahren erzeugen einen düsteren Schatten in der Geschichte der serbisch-zionistischen Beziehungen. Sie zeigen, dass diese Beziehungen nicht nur aus idealistischer Diplomatie bestanden, wie bei David Albala 1917, sondern auch aus Waffen, Geheimdiensten und anti-islamischer Rhetorik in den 1990ern.
Bewiesen ist ein Angebot und Kontakt, nicht die tatsächliche Lieferung. Bewiesen ist, dass Israel die Herausgabe von Akten verweigerte. Nicht bewiesen ist eine direkte israelische Verantwortung für Srebrenica oder den bosnischen Genozid. Bewiesen ist die ideologische Instrumentalisierung beider Seiten im Rahmen der „Serbian Jerusalem"-Rhetorik.
Diese Episode gehört nicht zur Ursprungsgeschichte des Zionismus, aber sie gehört zur Geschichte des serbisch-israelischen Verhältnisses. Sie zeigt, wie eng nationaler Selbstschutz, Anti-Islam-Rhetorik und Waffenhandel im Balkan des 20. Jahrhunderts verflochten waren, und wie viele Akten davon bis heute geschlossen sind.
Quellen:
- Balkan Insight: „Israel Court Rejects Request for Bosnia War Deals Data" (08.12.2016)
- +972 Magazine: „Supreme Court rules against exposing Israel's role in Bosnian genocide"
- Mondoweiss: „'We betrayed the legacy of the Holocaust'" (2016)
- Sarajevo Times: „The Secret of Embargo Violation" und „Why is Israel hiding its Role during the War in BiH?"
- Wikipedia: „Foreign support in the Bosnian War"
- Michael A. Sells: „Serbian Jerusalem: Religious Nationalism, Globalization and the Invention of a Holy Land" (George Fox University)
- David M. Halbfinger / Max J. Rosenthal: „Globalizing the Holocaust: A Jewish Useable Past in Serbian Nationalism"
- Just Security: „Bosnian Serbs Wield Islamophobia to Gain Support for Secession" (2025)
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Was bleibt offen?
Wenn ein Kriegsverbrecher in sein Tagebuch schreibt, er habe Unterstützung aus Israel angeboten bekommen, wie viel Wahrheit steckt darin?
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