Sport & Macht09. Juli 2026ca. 7 Min. Lesezeit
WM 2026: Trump, FIFA und die Rote-Karte-Affäre
Als ein US-Präsident die FIFA anrief – und eine Sperre verschwand

Stell dir vor: Der Präsident der Vereinigten Staaten ruft den Chef des Weltfußballverbandes an. Er beschwert sich über eine Rote Karte. Wenig später wird die Sperre aufgehoben. Das ist keine Fiktion. Das ist die WM 2026.
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Der Vorfall

Am 4. Juli 2026 spielten die USA gegen Bosnien-Herzegowina in der Runde der letzten 32 in Santa Clara, Kalifornien. Folarin Balogun, der beste Torschütze der USA bei dieser WM mit drei Toren, trat Tarik Muharemović auf den rechten Knöchel. Der brasilianische Schiedsrichter Raphael Claus zeigte zunächst keine Karte. Nach einem VAR-Review und Zeitlupen-Wiederholung zeigte er Rot.
Die Folge war eine automatische Sperre für ein Spiel, das Achtelfinale gegen Belgien. Ein Spiel, in dem die USA mit ihrem besten Stürmer antreten sollten. Ohne Balogun waren die Chancen deutlich schlechter, und das wusste jeder im US-Lager, vom Trainer bis zum Präsidenten.
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Die Einmischung
Was dann passierte, ist beispiellos in der WM-Geschichte. Am Donnerstag telefonierte Trump mit FIFA-Chef Gianni Infantino und forderte ein Review der Roten Karte. Gleichzeitig kontaktierten Commerce Secretary Howard Lutnick und White House FIFA Task Force Director Andrew Giuliani die FIFA. Auf dem Rückflug von Santa Clara nach Washington diskutierten Trump-Beamte die Rote Karte. Der Konsens: Die Zeitlupe sei „unangemessen", also müsse die Rote Karte aufgehoben werden.
Dass ein Präsident persönlich bei einem Sportverband anruft, um eine Spielsperre zu thematisieren, wäre in den meisten Ländern undenkbar. In den USA unter Trump wurde es zur Normalität. Die FIFA Task Force, eine eigens eingerichtete Regierungsstelle zur Begleitung der WM im eigenen Land, diente als offizieller Kanal für politische Einflussnahme auf sportrechtliche Entscheidungen.
Am Sonntag hob die FIFA die Sperre auf, 24 Stunden vor dem Achtelfinale. Die Begründung war Artikel 27 des FIFA-Disziplinarkodexes: Die Strafe wurde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Zusätzlich verhängte die FIFA eine Strafe von 40.000 Dollar gegen den US-Verband.
n-tv-Bericht: Trump warf „Spielmanipulation" vor
Laut einem Bericht von n-tv warf Trump im Telefonat mit Infantino dem Schiedsrichter Claus offenbar „Spielmanipulation" vor. Trump nannte Claus „einen bisschen verdächtig, wenn man seine Vergangenheit überprüft", ohne dies zu erläutern. Eine schwere Anschuldigung ohne jeden Beleg, ausgesprochen vom mächtigsten Mann der Welt gegenüber dem mächtigsten Mann des Weltfußballs.
Quelle: n-tv.de
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Die Reaktionen
Trump
„Danke an FIFA, dass sie das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht haben!"
„Ich habe sie nicht angewiesen, was sie tun sollen. Ich habe nur um ein Review gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war."
„Wenn sie deinen besten Spieler aussperren, ist das sehr unfair. Das hätte einen großen Fleck auf dem Turnier hinterlassen."
Infantino
„FIFAs Justizorgane sind unabhängig. Sie operieren autonom, wenden den FIFA-Disziplinarkodex an und entscheiden Fälle auf Basis der anwendbaren Vorschriften."
„Ja, ich diskutiere regelmäßig Angelegenheiten der FIFA WM mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. In dieser Angelegenheit erhielt ich einen Anruf von Präsident Donald Trump."
Brasilianischer Verband (CBF) verteidigt Claus
„Es gibt nichts in seiner Akte, das seinen Integrität in Frage stellt oder Verdacht auf Fehlverhalten rechtfertigt. Er ist ein vorbildlicher Profi."
Pierluigi Collina, FIFA-Schiedsrichterchef: „Raphael Claus pfeift bei seiner zweiten FIFA WM. Er ist ein erfahrener und hochangesehener Schiedsrichter, und wir haben volles Vertrauen in ihn."
UEFA, „Rote Linie überschritten"
Die UEFA sprach von „Unglauben" und nannte die Entscheidung „beispiellos, unverständlich und nicht rechtfertigbar". Man habe „eine rote Linie überschritten". Die Reaktion eines gesamten Kontinentalverbandes auf eine Einzelfallentscheidung der FIFA ist ungewöhnlich und signalisiert, dass die UEFA in dieser Entscheidung eine systemische Gefahr sieht, nicht nur ein fragwürdiges Einzelurteil.
Belgien
Trainer Rudi Garcia: „Das klingt wie ein Aprilscherz."
Der belgische Verband forderte eine Erklärung und eine Kopie der Entscheidung. Die FIFA behandelte die Anfrage als „Berufung" und erklärte sie für „unzulässig", Belgien sei „keine Partei des Verfahrens".
„Während der RBFA lediglich legitime Erklärungen suchte, hat die FIFA selbst eine Berufung geschaffen und sofort dafür gesorgt, dass sie für unzulässig erklärt wurde." Belgischer Verband
Schweizer Verband
Nannte die Entscheidung „unbegreiflich". Sie „wirft Fragen auf und schafft Unsicherheit, insbesondere hinsichtlich der Autorität von Schiedsrichterentscheidungen, besonders wenn der VAR involviert ist."
England-Coach Thomas Tuchel
Kritisierte die Entscheidung ebenfalls.
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Der historische Kontext
Die Aufhebung einer Roten-Karte-Sperre bei einer WM ist seit 1962 nicht mehr vorgekommen. 64 Jahre lang war die Regel einfach: Rot bedeutet Sperre. Bei der WM 2026 nicht mehr. Das ist kein kleines Detail, sondern ein Bruch mit einer jahrzehntelangen Praxis, die jeder Spieler, jeder Trainer und jeder Fan als selbstverständlich akzeptiert hat.
Die FIFA argumentierte, Artikel 27 sei „nicht beispiellos", ähnliche Entscheidungen habe es in den WM-Qualifikationen gegeben. Aber: Qualifikation ist nicht Endrunde. Und eine Qualifikation ohne US-Präsidenten-Anruf ist nicht dieselbe Situation. Der Unterschied liegt nicht nur im Wettbewerb, sondern in der Macht des Anrufers. Ein Präsident, der anruft, hat anderes Gewicht als ein Verband, der appelliert.
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Die Fragen, die bleiben
Die Fragen, die bleiben, sind einfach, aber unbeantwortet. Hat Trump die Entscheidung beeinflusst? Infantino sagt nein. Trump sagt, er habe nur um ein Review gebeten. Aber die zeitliche Abfolge, Anruf, dann Aufhebung, erzeugt den Eindruck der Einflussnahme. In der Politik gilt meistens: Wer das Ergebnis bestreitet, muss die Kausalität beweisen, und wer die Kausalität vermutet, wird als Verschwörungstheoretiker abgetan. Aber bei einer WM geht es nicht um rechtliche Beweisbarkeit, sondern um Wahrnehmung. Und die Wahrnehmung ist eindeutig.
Warum wurde Artikel 27 angewendet? Die FIFA gab keine spezifische Begründung, warum gerade dieser Fall eine Bewährungsstrafe rechtfertigt. Andere Rote Karten bei dieser WM wurden nicht aufgehoben. Warum durfte Belgien nicht appellieren? Die FIFA erklärte Belgiens Berufung für unzulässig, weil es „keine Partei des Verfahrens" sei. Aber Belgien war der direkte Gegner. Wer sonst sollte ein Recht auf Einspruch haben?
Und warum sanktionierte die FIFA den US-Verband mit 40.000 Dollar? Wenn Baloguns Foul nicht schwer genug für eine Sperre war, warum dann eine Strafe gegen den Verband? Eine Strafe, die so niedrig ist, dass sie eher als Alibi wirkt denn als Sanktion. 40.000 Dollar sind für einen US-Verband Peanuts, aber sie erlauben der FIFA zu sagen: Wir haben nicht einfach nachgegeben, wir haben auch bestraft.
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Die größere Frage
Die Balogun-Affäre ist nicht nur ein Fall von politischer Einmischung. Sie ist ein Präzedenzfall. Wenn ein US-Präsident bei der FIFA anrufen und eine Sperre aufheben kann, was können dann andere Mächtige tun? Was passiert, wenn ein autokratischer Staat bei der nächsten WM einen ähnlichen Anruf tätigt? Die FIFA hat mit dieser Entscheidung einen Damm gebrochen, und Dämme, die einmal gebrochen sind, lassen sich schwer wieder aufbauen.
Die WM 2026 findet in den USA statt. Trump ist der amtierende Präsident. Die FIFA will gute Beziehungen zur US-Regierung. Infantino und Trump haben eine „cozy relationship" (USA Today). Das schafft eine Struktur, in der politische Einmischung nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist. Wer Gastgeber und Präsident in einer Person hat, braucht keinen Einfluss zu nehmen, er hat ihn bereits.
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Was die USA nicht retten konnte
Trotz Baloguns Einsatz: Die USA schieden gegen Belgien aus. Die Aufhebung der Sperre half nichts, außer dass sie die Integrität der FIFA beschädigte. Ein Präsidenten-Anruf, eine aufgehobene Sperre, ein Achtelfinale-Aus. Am Ende war alles umsonst, außer der Botschaft, dass sich Sportrecht beugen lässt, wenn der Anrufer mächtig genug ist.

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Quellen
Quellen: AP News (zwei Artikel), BBC Sport, USA Today, CBS News, n-tv.de und sportexpress.io.
Weiterlesen: Teil 1: Überblick, das Muster der WM 2026, Teil 2: Argentinien-Privilegien, der Messi-Bias, Teil 4: VAR-Skandale, Deutschland, Kroatien, Brasilien und Teil 7: Fazit, systemischer Betrug oder Zufall?.
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