Chronik28. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit
Die Chronik der Auslöschung – Teil 4: Chemotherapie und Schlangen (1995–2010)
1995–2010: Krankheitsmetaphern als Politik
Nach Rabins Ermordung 1995 hätte die Gesellschaft innehalten können. Sie tat es nicht. Die Rhetorik eskalierte weiter – und fand neue Metaphern: Krankheit, Krebs, Chemotherapie.
01 / 07
Ehud Barak: 'Krokodile' (2000)
Ehud Barak, Premier und Chefverhandler von Camp David, sagte nach dem Scheitern der Verhandlungen 2000:
"Die Palästinenser sind wie Krokodile, mehr Fleisch, mehr wollen."
Barak war der Mann, der für Frieden verhandelt hatte. Als es scheiterte, fiel er in die Sprache der Dehumanisierung zurück – als wäre sie immer da gewesen, nur verdeckt durch Diplomatie.
02 / 07
Moshe Ya'alon: 'Krebs und Chemotherapie' (2002)
Moshe Ya'alon, Chef des Generalstabs, sagte 2002 während der Zweiten Intifada:
"Die Palästinenser sind ein Krebs und die Chemotherapie ist die Operation."
Krebs. Chemotherapie. Das bedeutet: Die Palästinenser sind eine Krankheit, und militärische Gewalt ist die Behandlung. Die Logik ist nicht: 'Wir kämpfen gegen Terroristen.' Die Logik ist: 'Wir heilen den Körper von der Krankheit.' Krankheiten werden nicht verhandelt. Sie werden bekämpft. Ausgerottet.
03 / 07
Ayelet Shaked: 'Schlangen-Mütter' (2014)
Ayelet Shaked, Justizministerin, postete 2014 auf Facebook über Palästinenser:
"Sie sind alle unsere Feinde und ihre Mütter sollten getötet werden, sie sind alle Schlangen-Mütter und sie sollten alle sterben."
Shaked behauptete später, es sei ein Zitat eines palästinensischen Autors gewesen, das sie geteilt hatte. Aber sie teilte es mit Zustimmung. Die Justizministerin eines Landes, das sich als 'einzige Demokratie im Nahen Osten' bezeichnet, forderte den Tod von Müttern.
04 / 07
Rabbi Yitzhak Shapira: 'Babys töten' (2009)
Rabbi Yitzhak Shapira veröffentlichte 2009 das Buch 'Torat Hamelech' (Gesetz des Königs), in dem er schrieb:
"Es ist erlaubt, nichtjüdische Babys zu töten, weil sie wie eine Schlange sind, und man kann die Schlange töten, bevor sie beißt."
Das Buch wurde in Israel verkauft. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren ein – und stellte es ein. Keine Anklage. Die religiöse Rechtfertigung für die Tötung von Babys blieb ungestraft.
05 / 07
Rabbi Yitzhak Ginsburgh: 'Goldsteins Tat war eine Mitzwa' (1994)
Rabbi Yitzhak Ginsburgh, der das Vorwort zu 'Torat Hamelech' schrieb, sagte 1994 nach dem Massaker von Hebron, bei dem Baruch Goldstein 29 betende Muslime ermordete:
"Baruch Goldsteins Tat war eine Mitzwa."
Eine Mitzwa. Ein religiöses Gebot. Ein Massaker als gottgefällige Tat.
06 / 07
Moshe Feiglin: 'Konzentrationslager in Gaza' (2014)
Moshe Feiglin, Knesset-Stellvertretender Sprecher, postete 2014 während des Gaza-Kriegs:
"Konzentrationslager in Gaza, wie Dresden, wie Hiroshima."
Feiglin veröffentlichte einen detaillierten Plan für die 'Säuberung' von Gaza auf Facebook. Er schlug vor, die Bevölkerung in 'Lager' zu bringen und Gaza 'wie Dresden' zu bombardieren. Ein Knesset-Mitglied. Offiziell.
07 / 07
Die Kontinuität: Krankheit → Behandlung → Auslöschung
Die Metaphorik ist nicht zufällig. Sie folgt einer Logik:
- Definition: Palästinenser als Krankheit (Krebs, Krokodile, Schlangen)
- Behandlung: Militärische Gewalt als Therapie (Chemotherapie, Operation)
- Rechtfertigung: Religiöse Autorisierung (Mitzwa, Torat Hamelech, Babys als Schlangen)
- Umsetzung: Lager, Dresden, Hiroshima
Von Eitans 'Kakerlaken' (1983) zu Ya'alons 'Krebs' (2002) zu Shaked 'Schlangen-Mütter' (2014) – die Metaphern wechseln, die Logik bleibt.
Teil 5 behandelt die Periode 2010–2020: Netanyahu, Yishai, Danon, Gopstein, Golan – 'Infiltratoren', 'Vampire', 'nationale Plage'.
Sigma
Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.
Über den AutorRedaktionsrichtlinienAls Nächstes lesen
Die Chronik der Auslöschung – Teil 3: Kakerlaken und Krebs (1967–1995)
Eitan nennt Palästinenser 'Kakerlaken in einer Flasche', Kahane fordert 'They must go', Rabbi Hess spricht vom 'Genozid als Gebot der Tora'. Dann wird Rabin ermordet.
WeiterVerwandte und ähnliche Artikel
Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.
Die Chronik der Auslöschung – Teil 3: Kakerlaken und Krebs (1967–1995)
1967–1995: Die Dehumanisierung eskaliert
LesenDie Chronik der Auslöschung – Teil 5: Infiltratoren und Vampire (2010–2020)
2010–2020: Die Sprache der Auslöschung wird Alltag
LesenDie Chronik der Auslöschung – Teil 1: Die Geburt des Transfers (1895–1948)
1895–1948: Wie der Transfer erfunden wurde
LesenDie Chronik der Auslöschung – Teil 2: Kein palästinensisches Volk (1948–1967)
1948–1967: Die Nakba und die Leugnung
LesenZum Weiterdenken
Was bleibt offen?
Ya'alon nannte Palästinenser 2002 'einen Krebs' und militärische Operationen 'Chemotherapie'. Was passiert, wenn man Menschen als Krankheit definiert?
Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.
Diskussion
0 Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste.
Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.
Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.
Login Kit · user.info.basic