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Chronik28. Juli 2026ca. 7 Min. Lesezeit

Die Chronik der Auslöschung – Teil 4: Chemotherapie und Schlangen (1995–2010)

1995–2010: Krankheitsmetaphern als Politik

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Historical documents presented in the Swedish National archives, HGN Stockholm meeting, 2024

Nach Rabins Ermordung 1995 hätte die Gesellschaft innehalten können. Ein Premierminister war von einem eigenen Landsmann erschossen worden, weil er Frieden verhandelte. Das hätte eine moralische Erschütterung auslösen können, ein kollektives Innehalten, eine Reflexion darüber, wohin die Sprache geführt hatte. Sie tat es nicht. Die Rhetorik eskalierte weiter und fand neue Metaphern: Krankheit, Krebs, Chemotherapie. Die Dehumanisierung, die in Teil 3 mit Eitans Kakerlaken begonnen hatte, wurde nun systematisiert. Sie drang in die militärische Doktrin ein, in die politische Kommunikation, in die religiöse Rechtfertigung. Was vorher Einzelfälle gewesen waren, wurde Struktur.

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Ehud Barak: 'Krokodile' (2000)

Die Chronik der Auslöschung, Teil 4: Chemotherapie und Schlangen (1995–2010), Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

Ehud Barak, Premier und Chefverhandler von Camp David, sagte nach dem Scheitern der Verhandlungen 2000:

„Die Palästinenser sind wie Krokodile, mehr Fleisch, mehr wollen."

Barak war der Mann, der für Frieden verhandelt hatte. Er galt als der militärischste der Verhandler, jemand, der im Dienstgrad General zur Politik gekommen war. Als es scheiterte, fiel er in die Sprache der Dehumanisierung zurück, als wäre sie immer da gewesen, nur verdeckt durch Diplomatie. Das Bemerkenswerte ist nicht, dass ein Politiker frustriert spricht, wenn Verhandlungen scheitern, sondern dass die Metapher, die er wählt, nicht Frustration ausdrückt, sondern Wesenszuschreibung. Krokodile sind keine Menschen, die man überzeugen kann, sondern Tiere, die man kontrollieren oder töten muss. Barak sagte das nicht im Privaten, sondern in einem Interview, öffentlich, als Premierminister, und niemand in der israelischen Öffentlichkeit forderte seinen Rücktritt wegen dieser Aussage. Die Sprache war bereits normal.

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Moshe Ya'alon: 'Krebs und Chemotherapie' (2002)

Moshe Ya'alon, Chef des Generalstabs, sagte 2002 während der Zweiten Intifada:

„Die Palästinenser sind ein Krebs und die Chemotherapie ist die Operation."

Krebs und Chemotherapie, das bedeutet: Die Palästinenser sind eine Krankheit, und militärische Gewalt ist die Behandlung. Die Logik ist nicht, gegen Terroristen zu kämpfen, sondern den Körper von der Krankheit zu heilen. Krankheiten werden nicht verhandelt, sondern bekämpft und ausgerottet, und wer so spricht, hat den anderen nicht mehr als Verhandlungspartner im Sinn, sondern als pathologischen Befund. Die Konsequenz dieser Metapher ist praktisch: Wenn die Palästinenser Krebs sind, dann ist jede militärische Operation gerechtfertigt, solange sie der Heilung dient. Chemotherapie schädigt gesundes Gewebe, und das wird in Kauf genommen. Kollateralschäden unter Zivilisten werden so nicht mehr als tragisches Nebenprodukt des Krieges gedacht, sondern als notwendige Nebenwirkung der Therapie. Ya'alon sagte das als höchster Militär Israels, und die Operation, auf die er sich bezog, war die Operation Defensive Shield, bei der israelische Truppen das Westjordanland wiederbesetzten, das Camp David eigentlich hätte räumen sollen. Hunderte Palästinenser starben. Die Chemotherapie lief.

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Ayelet Shaked: 'Schlangen-Mütter' (2014)

Ayelet Shaked, Justizministerin, postete 2014 auf Facebook über Palästinenser:

„Sie sind alle unsere Feinde und ihre Mütter sollten getötet werden, sie sind alle Schlangen-Mütter und sie sollten alle sterben."

Shaked behauptete später, es sei ein Zitat eines palästinensischen Autors gewesen, das sie geteilt hatte, aber sie teilte es mit Zustimmung. Die Justizministerin eines Landes, das sich als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, forderte den Tod von Müttern, nicht von Kombattanten, nicht von Terroristen, sondern von Müttern. Und sie tat es nicht in einem privaten Gespräch, sondern auf einer öffentlichen Plattform, wo sie wusste, dass Tausende es lesen würden. Die Reaktion in Israel war verhalten: Es gab Kritik, aber keine politischen Konsequenzen. Shaked blieb im Amt und wurde später Justizministerin. Die Frau, die den Tod von Müttern forderte, wurde zur Hüterin der israelischen Justiz. Das ist nicht nur ein Skandal, sondern ein Indikator dafür, wie weit der Diskurs bereits verschoben war. Was 1983 noch als Extremismus gegolten hätte, war 2014 eine Facebook-Post einer aufstrebenden Politikerin.

04 / 07

Rabbi Yitzhak Shapira: 'Babys töten' (2009)

Rabbi Yitzhak Shapira veröffentlichte 2009 das Buch 'Torat Hamelech' (Gesetz des Königs), in dem er schrieb:

„Es ist erlaubt, nichtjüdische Babys zu töten, weil sie wie eine Schlange sind, und man kann die Schlange töten, bevor sie beißt."

Das Buch wurde in Israel verkauft. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren ein und stellte es ein, ohne Anklage zu erheben, sodass die religiöse Rechtfertigung für die Tötung von Babys ungestraft blieb. Shapira steht nicht am Rand des politischen Spektrums: Er leitet die Od Yosef Chai Jeschiwa in der Siedlung Yitzhar, eine Institution, die im Zentrum der religiösen Siedlerbewegung steht. Das Buch wurde nicht im Untergrund veröffentlicht, sondern gedruckt, vertrieben und diskutiert. Die juristische Reaktion war, dass es nichts zu verfolgen gab. Die Begründung der Staatsanwaltschaft lautete, der Text habe akademisch-religiösen Charakter und rufe nicht zur direkten Tat auf. Das bedeutet: Die Tötung von Babys als theoretische Möglichkeit zu formulieren, ist in Israel juristisch zulässig, und die Grenze zwischen Theorie und Praxis ist in einer Gesellschaft, die sich im Dauerzustand militärischer Auseinandersetzung befindet, dünn.

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Rabbi Yitzhak Ginsburgh: 'Goldsteins Tat war eine Mitzwa' (1994)

Rabbi Yitzhak Ginsburgh, der das Vorwort zu 'Torat Hamelech' schrieb, sagte 1994 nach dem Massaker von Hebron, bei dem Baruch Goldstein 29 betende Muslime ermordete:

„Baruch Goldsteins Tat war eine Mitzwa."

Eine Mitzwa, ein religiöses Gebot, ein Massaker als gottgefällige Tat. Auch Ginsburgh bewegt sich nicht am Rand der Gesellschaft. Er leitet die Chabad-Bewegung in Kfar Chabad und gilt als einflussreicher religiöser Gelehrter, der Essays veröffentlichte, in denen er argumentierte, dass das Töten von Nichtjuden religiös gerechtfertigt sei, wenn es dem jüdischen Volk nützt. Goldstein selbst wurde nach dem Massaker von Teilen der Siedlerbewegung als Märtyrer gefeiert. Sein Grab in Kiryat Arba wurde zur Pilgerstätte, und es gibt bis heute Gedenkveranstaltungen für ihn. Ein Mann, der betende Muslime massakrierte, wird in Teilen der israelischen Gesellschaft nicht als Mörder erinnert, sondern als Held. Das ist die religiöse Infrastruktur, die Shapiras Buch möglich machte.

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Moshe Feiglin: 'Konzentrationslager in Gaza' (2014)

Moshe Feiglin, Knesset-Stellvertretender Sprecher, postete 2014 während des Gaza-Kriegs:

„Konzentrationslager in Gaza, wie Dresden, wie Hiroshima."

Feiglin veröffentlichte einen detaillierten Plan für die 'Säuberung' von Gaza auf Facebook, als Knesset-Mitglied, offiziell. Er schlug vor, die Bevölkerung in 'Lager' zu bringen und Gaza 'wie Dresden' zu bombardieren. Die Wortwahl ist nicht zufällig: Konzentrationslager, Dresden, Hiroshima sind die drei stärksten Vernichtungsbegriffe des 20. Jahrhunderts. Feiglin wählte sie bewusst, er wollte nicht andeuten, sondern benennen. Die Reaktion der Knesset war: nichts. Feiglin wurde nicht ausgeschlossen, nicht zensiert, nicht offiziell gerügt, und sein Plan wurde als Meinung gewertet. Ein Parlamentsmitglied, das Konzentrationslager fordert, bleibt Parlamentsmitglied. Das ist der Zustand des politischen Diskurses.

Die Chronik der Auslöschung, Teil 4: Chemotherapie und Schlangen (1995–2010), Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

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Die Kontinuität: Krankheit, Behandlung, Auslöschung

Die Metaphorik ist nicht zufällig. Sie folgt einer Logik, die sich über Jahrzehnte aufbaut. Zuerst kommt die Definition: Palästinenser werden als Krankheit benannt, als Krebs, als Krokodile, als Schlangen. Das ist nicht nur Beleidigung, es ist Ontologie, denn wer den anderen zur Krankheit macht, entfernt ihn aus der Kategorie des Verhandlungsfähigen. Darauf folgt die Umdeutung der Gewalt: Militärische Operationen werden zur Therapie, zur Chemotherapie, zur Operation, und Gewalt verliert ihren moralischen Charakter, wird stattdessen zur medizinischen Notwendigkeit. Die religiöse Autorisierung liefert dann die moralische Immunität, die Mitzwa, das Torat Hamelech, die Babys als Schlangen, denn was Gott erlaubt, kann kein Gericht verbieten. Schließlich wird die Umsetzung offen benannt: Lager, Dresden, Hiroshima. Die Begriffe der totalen Vernichtung werden nicht mehr als Metapher verwendet, sondern als Vorschlag.

Von Eitans Kakerlaken 1983 über Ya'alons Krebs 2002 bis zu Shakeds Schlangen-Müttern 2014 verändern sich die Metaphern, aber die Logik bleibt identisch. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf: Was als Beleidigung begann, wurde zur militärischen Doktrin, zur religiösen Rechtfertigung, zum politischen Plan. Die Gesellschaft, in der diese Sprache möglich ist, hat bereits entschieden, dass der andere kein Gegenüber ist, und wer kein Gegenüber ist, braucht nicht überzeugt, geschützt oder verhandelt zu werden. Er muss beseitigt werden.


Teil 5 behandelt die Periode 2010–2020: Netanyahu, Yishai, Danon, Gopstein, Golan, 'Infiltratoren', 'Vampire', 'nationale Plage'.

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Was bleibt offen?

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