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Chronik28. Juli 2026ca. 7 Min. Lesezeit

Die Chronik der Auslöschung – Teil 3: Kakerlaken und Krebs (1967–1995)

1967–1995: Die Dehumanisierung eskaliert

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Die Periode von 1967 bis 1995 markiert einen Wendepunkt. Die Vertreibung war vollzogen, die Leugnung etabliert. Nun begann die Dehumanisierung, also die Beschreibung von Palästinensern als Tiere, Krankheiten und Ungeziefer, sich zu radikalisieren und in den politischen Mainstream zu wandern. Was zuvor die Sprache einzelner Extremisten war, wurde die Sprache von Generälen, Ministern und Premiers, und die Trennlinie zwischen Rand und Mitte verschwand. Die Besatzung nach 1967 brachte eine neue Realität: Palästinenser standen nun unter direkter israelischer Kontrolle, ohne Bürgerrechte, ohne politische Vertretung, ohne Recht auf Bewegung. Die Frage, wie man mit dieser Bevölkerung umgeht, wurde zur zentralen Frage der israelischen Politik, und die Antwort, die sich abzeichnete, war nicht Integration, nicht Gleichberechtigung, sondern immer offenere Dehumanisierung.

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Raphael Eitan: 'Betäubte Kakerlaken in einer Flasche' (1983)

Die Chronik der Auslöschung, Teil 3: Kakerlaken und Krebs (1967–1995), Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

Raphael Eitan, Israels Generalstabschef, sagte 1983 über die Besatzung der palästinensischen Gebiete:

„Wenn wir das Land besiedelt haben, wird das Einzige, was die Araber tun können, sein, wie betäubte Kakerlaken in einer Flasche herumzuhuschen."

Kakerlaken in einer Flasche, das ist nicht die Sprache eines Randpolitikers, sondern des obersten Militärs Israels. Eitan sagte dies, als die Besatzung 16 Jahre alt war, und formulierte damit eine Vision, in der die Palästinenser in einem Gefängnis leben, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Metapher ist präzise: Kakerlaken sind Ungeziefer, das man nicht überzeugen oder integrieren kann, sondern nur bekämpfen, und eine Flasche ist ein geschlossener Raum ohne Ausweg. Wer diese Sprache vom obersten Militär hört, weiß, dass sie nicht metaphorisch gemeint ist, sondern operativ.

02 / 09

Meir Kahane: 'They Must Go' (1984)

Meir Kahane, der 1984 in die Knesset gewählt wurde, machte die Vertreibung zu seinem Programm:

„Sie müssen gehen. Trennung."

Kahane war kein Einzelfall, sondern der extreme Ausdruck einer Strömung, die im Mainstream bereits existierte. Seine Partei Kach wurde 1994 als Terrororganisation verboten, aber seine Ideen lebten weiter. Itamar Ben-Gvir, Israels aktueller Sicherheitsminister, hat ein Foto von Kahane in seinem Wohnzimmer und sagt: „Ich war Kahanes Schüler." Das ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart: Ein Mann, der sich als Schüler eines verbotenen Extremisten bezeichnet, ist Sicherheitsminister. Ob Kahane gewonnen hat, ist nicht mehr die Frage, sondern wann man aufhörte, sein Programm als extremistisch zu erkennen.

03 / 09

Rabbi Israel Hess: 'Genozid als Gebot der Tora' (1980)

Rabbi Israel Hess schrieb 1980 in der Bar-Ilan-Universitätszeitung:

„Genozid: ein Gebot der Tora."

Er bezog sich auf Amalek, den biblischen Feind, dessen vollständige Auslöschung in der Tora befohlen wird. Die Gleichsetzung von Palästinensern mit Amalek ist nicht metaphorisch, sondern die religiöse Begründung für Genozid. Wer Amalek ist, muss ausgelöscht werden, nicht weil er etwas getan hat, sondern weil er Amalek ist. Die Kategorie ist ontologisch, nicht juristisch, und das Opfer kann nichts tun, um der Bedrohung zu entgehen, außer nicht mehr zu existieren. Diese Logik taucht in der gesamten Chronik wieder auf, von Rabbi Hess über Ovadia Yosef bis zu Yoav Gallant, und sie ist nicht verschwunden, sondern hat sich nur neue Träger gesucht.

04 / 09

Ovadia Yosef: 'Vernichte sie, zerstöre ihren Samen' (2001)

Ovadia Yosef, der sephardische Oberrabbiner und spirituelle Führer der Shas-Partei, sagte in einer Pessach-Predigt 2001:

„Vernichte sie. Zerstöre ihren Samen. Sie sind böse, verflucht, ihr Samen ist der des Amalek."

Yosef war nicht irgendein Rabbiner, sondern der Oberrabbiner Israels, spiritueller Führer einer Partei, die jahrzehntelang in Regierungen saß. Er nannte Palästinenser in derselben Predigt auch „Esel" und „Antisemiten". Wenn der höchste religiöse Autoritätsträger des Landes von Vernichtung und Samenzerstörung spricht, ist das keine Predigt, sondern eine Anweisung, und wenn die Partei, die er führt, Teil der Regierung ist, ist die Trennlinie zwischen religiösem Extremismus und staatlichem Handeln aufgehoben.

05 / 09

Shamir: 'Heuschrecken, zerschmettere ihre Köpfe' (1988)

Yitzhak Shamir, Israels Premier, sagte 1988 während der Ersten Intifada:

„Heuschrecken, zerschmettere ihre Köpfe."

Ein Premier, der über die eigene Zivilbevölkerung unter Besatzung so spricht, markiert den Zustand des politischen Diskurses. Die Erste Intifada war ein Aufstand von Zivilisten, größtenteils ohne Waffen, Steinewerfer gegen eine der stärksten Armeen der Welt. Shamir nannte sie Heuschrecken, also Plage, also Ungeziefer, das vernichtet werden muss. Die Sprache des Premiers legitimierte die Gewalt des Militärs, denn wer Heuschrecken zerschmettert, begeht kein Verbrechen, sondern schützt die Ernte.

06 / 09

Zeevi: 'Transfer, offen und ohne Scham' (1988)

Rehavam Zeevi, Tourismusminister, gründete 1988 die Moledet-Partei auf der Basis des 'Transfer':

„Transfer, offen und ohne Scham."

Während Herzl 1895 noch von 'diskret' sprach, war Zeevi 1988 'ohne Scham', und die Maske fiel. Was im zionistischen Diskurs ein Jahrhundert lang als unaussprechliche Option im Hintergrund existiert hatte, wurde nun zur politischen Forderung. Transfer bedeutet Vertreibung, und Vertreibung bedeutet ethnische Säuberung. Zeevi nannte es nicht beim Namen, aber er meinte es beim Namen, und er war nicht allein, denn Moledet saß in der Knesset, und die Wähler wussten, wofür sie stimmten.

07 / 09

Begin: 'Zweibeinige Tiere' (1982)

Menachem Begin, Israels Premier, sagte 1982 im Kontext des Libanonkriegs:

„Unsere Feinde sind zweibeinige Tiere."

Begin bezog sich auf Terroristen, die Kinder ins Visier nahmen, nicht auf alle Palästinenser. Aber die Sprache, 'zweibeinige Tiere', ist Teil derselben Dehumanisierung, die von Eitan über Kahane bis zu Rabbi Hess reicht. Das Beiwort 'zweibeinig' ist dabei das Entscheidende, denn es suggeriert: Sie sehen aus wie Menschen, sind aber keine. Die Form ist menschlich, das Wesen ist tierisch. Wer so spricht, öffnet die Tür zur Behandlung von Menschen als Tieren, und wer einmal durch diese Tür gegangen ist, geht nicht mehr zurück. Begin, der den Friedensvertrag mit Ägypten unterzeichnete und den Nobelpreis erhielt, war derselbe Mann, der diese Worte wählte. Dehumanisierung beginnt nicht an den politischen Rändern, sondern in der Mitte, bei denjenigen, die als gemäßigt gelten und deren Worte deshalb besonders weit tragen.

08 / 09

Die Rabin-Ermordung (1995)

Yitzhak Rabin unterzeichnete 1993 die Oslo-Abkommen und wurde als 'Verräter' bezeichnet. Itamar Ben-Gvir stand 1995 vor Rabins Haus mit einem Aufkleber 'Rabin ist ein Mörder' und sagte: „Wir kommen zu ihm." Das war keine leere Drohung, sondern die Ankündigung dessen, was kurz darauf passierte.

Am 4. November 1995 erschoss Yigal Amir, ein jüdischer Extremist, Rabin nach einer Friedensdemo in Tel Aviv. Amir zitierte das religiöse Prinzip 'Din Rodef' zur Rechtfertigung, das besagt, dass man jemanden töten darf, der einen anderen töten will. Amir wandte dieses Prinzip auf Rabin an, der Frieden schloss, und interpretierte Frieden als Tötung des jüdischen Volkes. Die Verdrehung ist grotesk, aber sie funktionierte, weil die jahrelange Rhetorik der Dehumanisierung den Boden bereitet hatte. Wer Palästinenser als Amalek bezeichnet, als Krebs, als Kakerlaken, der hat den Rahmen geschaffen, in dem Frieden als Verrat am jüdischen Volk erscheint. Amir brauchte keine neue Ideologie, er brauchte nur die Konsequenz aus einer Ideologie, die bereits im Diskurs verankert war.

Rabins Ermordung war kein isolierter Akt, sondern das Ergebnis einer Dehumanisierungskampagne, die den eigenen Premier zum Ziel erklärte, weil er Frieden wollte. Wer die Sprache der Auslöschung jahrelang normalisiert, wer Kakerlaken, Krebs und Amalek in den politischen Diskurs bringt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann der eigene Premier zum Ziel wird. Die Sprache, die man gegen Palästinenser richtet, ist nicht selektiv, sondern richtet sich gegen jeden, der im Weg steht.

Die Chronik der Auslöschung, Teil 3: Kakerlaken und Krebs (1967–1995), Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

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Die Kontinuität: Dehumanisierung als System

Was diese Periode zeigt, ist die Normalisierung der Dehumanisierung. Rabbi Hess schrieb 1980 vom Genozid als Gebot der Tora, Begin nannte Palästinenser 1982 zweibeinige Tiere, und Eitan sprach 1983 von betäubten Kakerlaken in einer Flasche. Kahane forderte 1984, dass sie gehen müssen, Shamir rief 1988 dazu auf, Heuschrecken die Köpfe zu zerschmettern, und im selben Jahr forderte Zeevi Transfer ohne Scham. 1995 wurde Rabin ermordet. Jedes dieser Zitate kam von einem Amtsträger, nicht von einem Randrufer, und jedes wurde ohne politische Konsequenz ausgesprochen.

Die Sprache wurde immer offener, immer gewalttätiger, immer normaler, und dann tötete sie den Mann, der Frieden wollte. Das ist keine Kette von Zufällen, sondern eine Kette von Ursachen. Wer die Sprache nicht ernst nimmt, nimmt die Tat nicht ernst, und wer die Tat ernst nimmt, muss zurückgehen bis zur Sprache. Die Chronik der Auslöschung ist auch eine Chronik der Worte, die den Weg zur Tat bereitet haben.


Teil 4 behandelt die Periode 1995 bis 2010: Baraks 'Krokodile', Ya'alons 'Krebs', Shaked 'Schlangen-Mütter', Rabbi Shapiras 'Babys töten'.

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Eitan nannte Palästinenser 1983 'betäubte Kakerlaken in einer Flasche'. Was passiert mit einer Gesellschaft, in der solche Sprache normalisiert wird?

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