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Chronik28. Juli 2026ca. 8 Min. Lesezeit

Die Chronik der Auslöschung – Teil 6: Menschliche Tiere und Amalek (2023–2025)

2023–2025: Die Masken fallen

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Archives nationales (French for "National Archives"), national archives of the France: section of the archives of French presidents

Nach dem 7. Oktober 2023 fielen die Masken. Was vorher als 'Sicherheit', 'Selbstverteidigung', 'Anti-Terror' verkleidet war, wurde offen ausgesprochen, und die Rhetorik der Auslöschung wurde Regierungsprogramm. Diesmal kam sie nicht von Randfiguren oder extremistischen Rabbinern, sondern vom höchsten Tisch des Landes: Verteidigungsminister, Premier, Finanzminister, Sicherheitsminister. Die Amtsträger selbst lieferten die Sprache, die früher Siedler am Rand der Gesellschaft prägten. Der 7. Oktober war ein Massaker an israelischen Zivilisten, und die Trauer und der Schmerz waren echt. Aber die Antwort der Regierung war nicht nur Sicherheit, nicht nur Vergeltung, sondern eine Sprache, die den Weg zur Auslöschung bahnte. Wer die Geschichte der zionistischen Rhetorik kennt, hört in den Worten von 2023 nicht etwas Neues, sondern etwas Altes, das endlich ohne Maske gesprochen werden durfte.

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Yoav Gallant: 'Menschliche Tiere' (9. Oktober 2023)

Die Chronik der Auslöschung, Teil 6: Menschliche Tiere und Amalek (2023–2025), Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

Yoav Gallant, Verteidigungsminister, sagte am 9. Oktober 2023, zwei Tage nach dem 7. Oktober:

„Ich habe eine vollständige Belagerung Gazas angeordnet. Kein Strom, kein Essen, kein Treibstoff. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend."

'Menschliche Tiere', 'Kein Essen, kein Wasser': Dies ist nicht die Sprache der Selbstverteidigung, sondern der Auslöschung. Und sie kam vom Verteidigungsminister, nicht von einem Randpolitiker, nicht von einem Rabbiner, nicht von einem Siedler, sondern von dem Mann, der die Streitkräfte befehligt und über die Belagerung von zwei Millionen Menschen entscheidet. Die Worte waren keine Entgleisung im Hitzegefecht, sondern der Auftakt zu einer Politik, die genau diese Logik in die Tat umsetzte. Kein Strom, kein Wasser, kein Treibstoff, keine Nahrungsmittel: Eine Zivilbevölkerung wurde kollektiv bestraft, und der Minister kündigte es öffentlich an, als spreche er über die Schädlingsbekämpfung eines Feldes.

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Benjamin Netanyahu: 'Gedenke, was Amalek dir angetan hat' (2023)

Benjamin Netanyahu, Premier, sagte in einer Regierungserklärung nach dem 7. Oktober:

„Gedenke, was Amalek dir angetan hat."

Amalek. Der biblische Feind, dessen vollständige Auslöschung in der Tora befohlen wird. Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Tiere. 1. Samuel 15,3: „Nun geh und schlage Amalek und vollziehe den Bann an ihnen und an allem, was sie haben. Schone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Ochse und Schaf, Kamel und Esel."

Die Amalek-Referenz wurde international als möglicher Incitement to Genocide diskutiert, und der südafrikanische Antrag vor dem Internationalen Gerichtshof zitierte sie aus gutem Grund. Wer 'Amalek' sagt, sagt 'Bann', und wer 'Bann' sagt, sagt 'vollständige Auslöschung'. Das ist keine Metapher, sondern ein theologischer Befehl, der in der hebräischen Bibel wörtlich steht. Wenn ein Premierminister diese Worte in einer Regierungserklärung verwendet, in einem Kontext von Krieg und Bombardement, dann ist das kein historischer Rückgriff aus Versehen, sondern die bewusste Einbettung des militärischen Vorgehens in einen heilsgeschichtlichen Rahmen, der keine Unschuldigen kennt. Amalek hat keine Zivilisten, keine Kinder, nur Feinde, die getilgt werden müssen.

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Bezalel Smotrich: '200.000, nicht zwei Millionen' (2023)

Bezalel Smotrich, Finanzminister, sagte am 31. Dezember 2023:

„Wenn es 100.000 oder 200.000 Araber in Gaza gibt und nicht zwei Millionen, wird die gesamte Diskussion über den Tag danach völlig anders."

Smotrich sprach von der Reduzierung der Bevölkerung Gazas um 90%, nicht als Warnung, sondern als Ziel. Und weiter sagte er:

„Es gibt keine Unschuldigen im Gazastreifen."

Das ist die Logik der Entvölkerung, ausgesprochen von einem Minister, der das Budget des Landes verwaltet. Wer 'keine Unschuldigen' sagt, rechtfertigt jeden Angriff auf jeden Menschen, ob das Kind im Krankenhaus, die Mutter im Zelt oder der Bauer auf seinem Feld. Alle sind schuldig und damit legitime Ziele. Diese Sprache beseitigt den Unterschied zwischen Kombattant und Zivilist, der das Fundament des humanitären Völkerrechts ist, und sie kommt nicht von einem Siedler auf einem Hügel, sondern von einem Minister mit Unterschriftenmacht über Milliarden. Smotrich, der sich selbst als religiöser Zionist versteht, hat wiederholt Siedlungen im Westjordanland finanziell gefördert und palästinensische Dörfer unterminiert. Seine Worte sind nicht abstrakt, sie haben administratives Gewicht.

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Nissim Vaturi: 'Brennt sie, subhumane Wesen' (2023)

Nissim Vaturi, Likud-Stellvertretender Sprecher der Knesset, schrieb auf Facebook:

„Brennt sie, subhumane Wesen."

'Subhumane Wesen', auf Hebräisch 'Tola'im', was 'Würmer' oder 'Parasiten' bedeutet. Der Stellvertretende Sprecher des Parlaments, ein Mann, der für die Würde des gesetzgebenden Organs stehen sollte, wählt die Sprache der Vernichtung. 'Brennt sie' ist kein Aufruf zur Vorsicht, sondern zur Zerstörung, und die Dehumanisierung, die ihm vorausgeht, macht sie überhaupt erst möglich. Wer Menschen als Würmer bezeichnet, hat sie bereits aus der Menschheit ausgeschlossen, und was man mit Würmern macht, ist bekannt: Man rottet sie aus.

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Amichai Eliyahu: 'Atombombe auf Gaza ist eine Option' (2023)

Amichai Eliyahu, Kulturerbe-Minister, sagte in einem Radio-Interview:

„Atombombe auf Gaza ist eine Option."

Er wurde vorübergehend suspendiert, nicht entlassen, sondern suspendiert, für den Vorschlag eines nuklearen Angriffs auf 2,3 Millionen Menschen. Ein Minister, der ein Amt der Kultur und des Erbes innehat, spricht über den Einsatz einer Atombombe auf einem der dichtest besiedelten Gebiete der Erde. Die Suspendierung war eine formale Geste, die Entlassung blieb aus, und das ist die eigentliche Botschaft: Wer so etwas androht und danach noch im Amt ist, erfährt, dass die Schwelle, ab der man politisch nicht mehr tragbar ist, sehr weit oben liegt, oder dass sie für diese Art von Sprache gar nicht mehr existiert.

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Israel Katz: 'Humanitäre Stadt ist ein Konzentrationslager' (2025)

Israel Katz, Verteidigungsminister, sagte 2025 über den Plan, Palästinenser in eine umzäunte 'humanitäre Stadt' in Gaza zu sperren:

„Humanitäre Stadt ist ein Konzentrationslager."

Katz sagte dies nicht als Warnung, sondern er beschrieb den Plan und verwendete das Wort 'Konzentrationslager' ohne Zögern. Die Bedeutung ist unmissverständlich: Ein umzäuntes Areal, in das eine Bevölkerung gepfercht wird, kontrolliert von einer Militärmacht, die über Zugang und Ausgang entscheidet. Dass ein israelischer Minister dieses Wort selbst in den Mund nimmt, ist ein Moment, der in die Geschichte eingehen wird, nicht weil es ein Versprecher war, sondern weil es eine Beschreibung war. Er benannte, was geplant war, mit dem Begriff, der dafür in der Geschichte reserviert ist.

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Itamar Ben-Gvir: 'Zerstört die Feiernden' (2023)

Itamar Ben-Gvir, Sicherheitsminister, sagte nach dem 7. Oktober:

„Zerstört die Feiernden, Migrationsgesetz jetzt."

Ben-Gvir, der ein Foto von Meir Kahane in seinem Wohnzimmer hat, der 1995 vor Rabins Haus stand, ist heute Sicherheitsminister. Er verwaltet die Polizei und kontrolliert die Grenzpolizei in den besetzten Gebieten. Ein Mann, der wegen rassistischer Aussagen mehrfach verurteilt wurde, sitzt an der Spitze des inneren Sicherheitsapparates. 'Migrationsgesetz jetzt' ist kein Vorschlag, sondern eine Forderung nach der Vertreibung von Teilen der Bevölkerung. Und 'Feiernden' ist ein Wort, das aus dem Vokabular der Dehumanisierung stammt, denn es suggeriert, dass Menschen, die ein Ereignis feierten, legitime Ziele seien, nicht weil sie kämpfen, sondern weil sie sich freuen.

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Tali Gotliv: 'Waffe des Jüngsten Gerichts' (2023)

Tali Gotliv, Likud-MK, twitterte:

„Jericho wird eingeebnet, die Waffe des Jüngsten Gerichts."

Die Sprache der Apokalypse, eingespeist in den politischen Diskurs: 'Jüngstes Gericht' ist ein Begriff, der Endgültigkeit suggeriert, keine Berufung, keine Gnade, kein Gericht, nur das Urteil, das vollstreckt wird. Dass eine Parlamentsabgeordnete solche Bilder wählt, zeigt, wie weit die theologische Überhöhung des Krieges in die politische Klasse eingedrungen ist. Jericho, eine der ältesten Städte der Welt, als Ziel einer eschatologischen Waffe genannt, ist keine Metapher für harte Politik, sondern die Sprache der Vernichtung, verpackt in biblische Bilder, die jedem Leser der Schriften vertraut sind.

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Aryeh King: 'Begrabt sie lebendig, wie Ameisen' (2023)

Aryeh King, Vizebürgermeister von Jerusalem, schrieb auf Facebook:

„Begrabt sie lebendig, wie Ameisen."

Der Vizebürgermeister einer Stadt, die für drei Weltreligionen heilig ist, ruft dazu auf, Menschen lebendig zu begraben. 'Wie Ameisen' ist wieder die Sprache der Dehumanisierung: Ameisen sind Insekten, die man mit dem Fuß zermalst, und wer Menschen zu Ameisen macht, hat die Schwelle zur Auslöschung überschritten. Dass dies auf Facebook passiert, öffentlich, ohne Scham, ohne Rücknahme, zeigt, dass diese Sprache in bestimmten Kreisen nicht nur toleriert, sondern erwartet wird. King verlor sein Amt nicht und blieb Vizebürgermeister.

Die Chronik der Auslöschung, Teil 6: Menschliche Tiere und Amalek (2023–2025), Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Chronik

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Die Kontinuität: 1895 bis 2023

Die Linie ist direkt und sie ist ununterbrochen. 1895 schrieb Herzl vom 'diskreten Schaffen über die Grenze'. 1937 sagte Ben-Gurion, man müsse Araber vertreiben. 1948 rief Rabin: 'Treibt sie aus!' 1969 erklärte Golda Meir, es gebe kein palästinensisches Volk. 1983 verglich Eitan Palästinenser mit Kakerlaken in einer Flasche. 2002 sprach Ya'alon von Krebs und Chemotherapie. 2023 sagte Gallant: 'Menschliche Tiere, kein Essen.' Und im selben Jahr zitierte Netanyahu: 'Amalek.'

Über 130 Jahre hinweg bleibt dasselbe Prinzip, dieselbe Logik, dieselbe Sprache. Was sich änderte, waren die Mittel und die Reichweite, was sich nicht änderte, war die Grundannahme, dass auf diesem Land ein Volk existiert, das dort nicht existieren soll. Die Worte wechseln, die Bilder wechseln, die Technologien wechseln, aber die Konstante ist die Sprache der Dehumanisierung, die jeder Vertreibung und jeder Auslöschung vorausgeht. Wer Menschen zu Tieren, Würmern, Ameisen, Krebs macht, hat die moralische Grundlage für ihre Tötung bereits geschaffen. Alles Weitere ist nur noch die Frage der Mittel und des Zeitpunkts.


Teil 7 behandelt die Friedenskämpfer: Rabin, Grunzweig, Corrie, Hurndall, Miller, Abu Akleh, Eygi, Silver, die Stimmen, die man zum Schweigen brachte.

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Eitan nennt Palästinenser 'Kakerlaken in einer Flasche', Kahane fordert 'They must go', Rabbi Hess spricht vom 'Genozid als Gebot der Tora'. Dann wird Rabin ermordet.

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Was bleibt offen?

Netanyahu zitierte nach dem 7. Oktober 'Gedenke, was Amalek dir angetan hat' – einen biblischen Befehl zur vollständigen Auslöschung. Was bedeutet das in einem militärischen Kontext?

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