Geschichte03. August 2026ca. 7 Min. Lesezeit
Herzl und die Muslime: Friedensbrief, geheimes Tagebuch und Historikerstreit
Herzl versicherte 1899 einem arabischen Adligen, der Zionismus wolle Frieden. Fünf Jahre zuvor hatte er in sein Tagebuch geschrieben, die arme arabische Bevölkerung müsse 'diskret' entfernt werden.
Wenn von Herzl und den Arabern oder Muslimen die Rede ist, stoßen zwei sehr unterschiedliche Dokumente aufeinander. Das eine ist ein öffentlicher Brief voller Friedensrhetorik. Das andere ist eine private Tagebuchnotiz, die Vertreibung und Enteignung erwägt. Beide stammen von derselben Person, nur wenige Jahre auseinander.
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Der Brief an Yusuf Diya-uddin al-Khalidi (1899)
Im Jahr 1899 wandte sich der arabische Intellektuelle und ehemalige Gouverneur Yusuf Diya-uddin al-Khalidi aus Wien an Theodor Herzl. Er respektierte den jüdischen Wunsch nach einem Heim, warnte aber: Palästina sei bereits von Arabern bewohnt. Eine jüdische Kolonisierung würde Widerstand und Gefahr für die bestehenden jüdischen Gemeinden im Nahen Osten auslösen.
Herzl antwortete höflich und diplomatisch. Er betonte, der Zionismus sei dem Osmanischen Reich nicht feindlich gesonnen. Jüdische Einwanderer würden dem Land wirtschaftlichen Nutzen bringen. Die Juden seien und würden die besten Freunde der Türkei bleiben. Es gebe nichts zu befürchten, da die Juden „ein völlig friedliches Element" seien.
Diese Rhetorik zielte auf die osmanische Regierung und die arabische Elite. Sie war strategisch, aber auch glaubwürdig: Herzl hoffte tatsächlich, das Osmanische Reich und die Großmächte von der Nützlichkeit des Projekts zu überzeugen.
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Das Tagebuch vom 12. Juni 1895
Vier Jahre zuvor, bei der Geburt seiner zionistischen Idee, hatte Herzl in sein Tagebuch geschrieben:
„We must expropriate gently the private property on the estates assigned to us. We shall try to spirit the penniless population across the border by procuring employment for it in the transit countries, while denying it any employment in our own country. The property owners will come over to our side. Both the process of expropriation and the removal of the poor must be carried out discreetly and circumspectly."
Es handelte sich um einen privaten Planungsentwurf, nicht um eine veröffentlichte Politik. Herzl skizzierte hier ein Szenario, in dem die nicht-jüdische Bevölkerung Palästinas, damals über 90 Prozent Araber, größtenteils Muslime, durch wirtschaftlichen Druck und Arbeitsausschluss über die Grenze gedrängt werden sollte.
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Zwei Herzl? Oder ein Herzl in zwei Rollen?
Die historische Deutung ist gespalten. Die konventionelle zionistische Historiographie betont den Friedensbrief und die öffentliche Diplomatie. Herzl sei ein liberaler, paternalistischer Visionär gewesen, der an Koexistenz glaubte. Kritiker des Zionismus sehen im Tagebucheintrag den wahren Plan: die Bevölkerung Palästinas sollte entfernt werden, sobald die Juden Land und wirtschaftliche Kontrolle erlangt hätten.
Die Wahrheit ist beides und keines. Herzl war ein politischer Taktiker. Sein Tagebuch diente der freien Entwicklung von Ideen, seine Briefe und öffentlichen Texte der diplomatischen Absicherung. Das eine schließt das andere nicht aus. Es zeigt jedoch, dass Herzl die arabische Bevölkerung als politisches Problem sah, das „gelöst" werden musste.
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Moslemhass oder Realpolitik?
Es gibt bei Herzl keinen religiös oder rassisch motivierten generellen „Hass auf Muslime". Seine Argumentation war primär nationalökonomisch und territorial: Die Juden brauchten ein Territorium, um eine moderne Nation zu werden. Das Territorium war bereits bewohnt. Die Bewohner standen daher im Weg.
Das macht die Haltung problematisch genug, ohne sie zu mythologisieren. Herzl war kein religiöser Fanatiker. Aber er war bereit, über Landenteignung und Bevölkerungsverschiebung nachzudenken, um sein Ziel zu erreichen.
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Fazit
Der Widerspruch zwischen dem Friedensbrief an al-Khalidi und dem Tagebucheintrag ist kein bloßer Charakterfehler. Er offenbart eine strukturelle Spannung des frühen Zionismus: zwischen der Rhetorik der Koexistenz und der Realität eines Siedlungsprojekts in einem bereits besiedelten Land. Wer Herzl ernst nimmt, muss beides lesen.
Quellen:
- Palquest: „Letter from Theodor Herzl to Yusuf Diya-uddin al-Khalidi"
- The Complete Diaries of Theodor Herzl (Internet Archive)
- CAMERA UK: „Financial Times book review promotes distorted Herzl quote" (2020)
- Derek J. Penslar / Ilan Pappe: „Herzl and the Palestinian Arabs: Myth and Counter-Myth" (2005)
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