Sicherheitsstaat08. Mai 2026ca. 4 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026
Pardo und Gaza: Am Abgrund der Niederlage
Ein Krieg kann militärisch laufen und strategisch verloren sein.
Im August 2025 veröffentlichten 19 ehemalige israelische Spitzen aus Armee, Mossad, Shin Bet und Polizei eine gemeinsame Botschaft: Der Gaza-Krieg solle beendet, die Geiseln sollten durch ein umfassendes Abkommen zurückgebracht werden. Unter ihnen waren frühere Mossad-Chefs wie Tamir Pardo, Efraim Halevy und Danny Yatom.
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Warum diese Kritik schwer wiegt
Das ist kein pazifistischer Aufruf von außen. Das sind Männer aus dem israelischen Sicherheitsapparat. Sie kennen militärische Gewalt nicht aus Talkshows. Sie haben sie verwaltet, geplant, legitimiert oder begleitet.
Wenn ausgerechnet solche Stimmen sagen, der Krieg habe seine strategische Logik verloren, muss man zuhören.
Pardo sprach in diesem Zusammenhang sinngemäß davon, Israel stehe am Abgrund der Niederlage. Niederlage meint hier nicht nur, ob eine Armee Gelände kontrolliert oder Ziele trifft. Niederlage kann auch bedeuten: Ein Staat verliert strategische Vernunft, internationale Legitimation, moralische Sprache und innere Ordnung.
Der 7. Oktober bleibt der Ausgangspunkt.
Eine saubere Analyse darf den 7. Oktober 2023 nicht glätten. Hamas beging Massaker, entführte Geiseln und traumatisierte eine Gesellschaft. Israels Sicherheitsbedürfnis war real. Der Wunsch nach Verteidigung war real.
Aber ein reales Trauma ist kein Blankoscheck für Endloskrieg.
Genau an diesem Punkt setzen Pardo und andere ehemalige Sicherheitschefs an. Sie sagen nicht: Hamas ist harmlos. Sie sagen: Die Fortsetzung dieses Krieges dient nicht mehr klar den ursprünglichen Sicherheitszielen.
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Wenn Kriegsziele gegeneinander arbeiten
Nach dem 7. Oktober standen mehrere Ziele nebeneinander: Hamas militärisch schwächen, weitere Angriffe verhindern, Geiseln zurückholen, Abschreckung wiederherstellen, israelische Sicherheit stabilisieren.
Je länger der Krieg dauerte, desto stärker gerieten diese Ziele in Konflikt. Militärischer Druck kann Geiseln befreien, aber auch gefährden. Die völlige Vernichtung von Hamas kann als Ziel politisch stark klingen, aber militärisch und administrativ unklar bleiben. Die Fortsetzung des Krieges kann Netanjahus Koalition stabilisieren, aber Israels internationale Lage zerstören.
Krieg ohne erreichbaren Endzustand ist keine Strategie. Er ist Bewegung ohne Ziel.
Eine Niederlage in Pardos Sinn wäre deshalb nicht nur militärisch zu verstehen. Sie wäre moralisch, diplomatisch und institutionell. Ein Staat kann Schlachten gewinnen und trotzdem an Legitimität verlieren. Er kann Gegner schwächen und zugleich neue Radikalisierung produzieren. Er kann Härte zeigen und am Ende weniger Sicherheit besitzen als vorher. Diese Unterscheidung macht seine Kritik so schwer abzuwehren.
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Der politische Verdacht
Die ehemaligen Sicherheitschefs warfen Netanjahu vor, der Krieg werde aus politischen Gründen verlängert. Das ist der schwerste Punkt.
Wenn der Krieg nicht mehr zuerst Geiseln, Sicherheit und erreichbaren militärischen Zielen dient, sondern dem Überleben einer Regierung, dann kippt seine Legitimation. Dann zahlen Soldaten, Geiseln, palästinensische Zivilisten und die israelische Gesellschaft den Preis für Koalitionsarithmetik.
Hier verbindet sich Gaza mit Ben-Gvir und Smotrich. Eine Regierung, die von extrem rechten Partnern abhängt, hat ein strukturelles Problem mit jedem Deal, der als Nachgeben verkauft werden könnte.
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Die Gegenseite — und warum Pardos Kritik nicht das letzte Wort ist
Die Gegenseite argumentiert hier mit Nachdruck. Netanyahus Lager und die israelische Rechte sehen den Krieg nicht als politisches Manöver, sondern als existenzielle Notwendigkeit. Sie verweisen auf die Tatsache, dass Hamas nach dem 7. Oktober 2023 nicht nur einen Angriff beging, sondern ein Massaker an Zivilisten, begleitet von systematischen Entführungen, Vergewaltigungen und Bränden. Wer nach einem solchen Tag sofort Verhandlungen fordert, signalisiert, dass Terror funktioniert.
Sie zeigen auf die Struktur der Hamas: keine reguläre Armee, keine klaren Ziele, keine Staatsräson im klassischen Sinn. Hamas hat sich wiederholt als unzuverlässiger Verhandlungspartner erwiesen — von gebrochenen Waffenruhen bis zu Angriffen während laufender Gespräche. Ein Deal, der Hamas überleben lässt, bedeutet aus ihrer Sicht nicht Frieden, sondern Vorbereitung auf den nächsten 7. Oktober.
Zudem erinnern sie daran, dass der Rückzug aus Gaza 2005 nicht zum Modell demokratischer Entwicklung führte, sondern zur Hamas-Herrschaft und zum Raketenarsenal. Wenn Abzug und Entmilitarisierung in der Vergangenheit scheiterten, warum sollten sie jetzt funktionieren? Pardos Kritik mag aus Sicht der Sicherheitsapparate berechtigt sein, aber sie ignoriert die Frage, was konkret folgen würde, wenn Israel den Krieg beendet, bevor Hamas militärisch und organisatorisch zerstört ist.
Aus dieser Sicht ist Pardos Warnung nicht mutig, sondern kurzsichtig. Er priorisiert die innere Legitimation über die langfristige Sicherheit. Wer den Krieg beendet, bevor der Gegner geschwächt ist, zahlt nicht mit weniger Blut, sondern mit mehr Blut morgen. Das ist keine Zynismus. Das ist die harte Logik eines Staates, der seit 75 Jahren existenzielle Bedrohungen erlebt.
Was die Belege nicht tragen.
Hamas bleibt verantwortlich für die Entführungen, Massaker und die Militarisierung des Konflikts. Ein Kriegsende garantiert nicht automatisch Frieden. Ein Deal kann Risiken haben. Israel kann nicht so tun, als sei der Gegner nur ein Missverständnis.
Aber diese Einwände ersetzen nicht die strategische Prüfung: Welches Ziel ist noch erreichbar? Welcher Preis wird gezahlt? Wer profitiert von der Fortsetzung? Und wie lange darf eine Regierung "Sieg" sagen, wenn sie keinen Endzustand formuliert?
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Wo Alltag und System zusammenkommen
Der gefährlichste Moment eines Krieges ist nicht immer der Anfang. Es ist der Moment, in dem niemand mehr sagen kann, welches Ziel noch erreichbar ist, aber alle weiterzahlen müssen.
Man kann eine Schlacht gewinnen und trotzdem den Krieg gegen die eigene Identität verlieren.
Quellen:
Times of Israel über 19 ehemalige Sicherheitschefs und das Ende des Gaza-Krieges, Times of Israel über Ex-Mossad-Angehörige und Geiseldeal.
Weiterlesen: Ex-Mossad-Leute: Geiseln zuerst, Netanjahu, Ben-Gvir, Smotrich, Pardo über Netanjahu als Sicherheitsrisiko.
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Sigma
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