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Sicherheitsstaat01. Mai 2026ca. 6 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Ex-Mossad-Leute: Geiseln zuerst, auch wenn der Krieg endet

Der Staat zeigt seinen Code daran, wen er zurückholt.

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"January 10, 2011

Im April 2025 schlossen sich mehr als 250 ehemalige Mossad-Angehörige einem Aufruf an, die Geiseln in Gaza zu priorisieren, selbst wenn ein Deal das Ende des Krieges bedeuten würde. Unter den Unterzeichnern waren Danny Yatom, Efraim Halevy und Tamir Pardo, also drei frühere Chefs des Mossad.

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Die Geiseln als Staatsvertrag

Nach dem 7. Oktober war die Rückholung der Geiseln eines der zentralen israelischen Ziele. Doch je länger der Krieg dauerte, desto stärker verschob sich die Logik.

Für die extreme Rechte wurde ein Ende der Kampfhandlungen zum politischen Tabu. Ein Deal, der Hamas nicht vollständig vernichtet und zugleich den Krieg beendet, erschien als Kapitulation. Die Geiseln wurden dadurch nicht vergessen, aber sie wurden in ein Zielsystem eingespannt, das ihnen selbst widersprechen kann.

Der Staat verlangt Dienst, Opfer und Loyalität. Dafür gibt es einen stillen Vertrag: Wir lassen euch nicht zurück. Wer diesen Vertrag bricht, beschädigt mehr als eine Regierung. Er beschädigt Vertrauen in die Staatsform.

Israels Geschichte mit Geiseln und Gefangenenaustauschen ist lang und widersprüchlich. Die Operation Entebbe 1976, bei der israelische Spezialkräfte über hundert Geiseln aus einem entführten Flugzeug in Uganda befreiten, wurde zum Gründungsmythos der Doktrin, dass Israel seine Bürger niemals im Stich lässt. Doch nicht jede Krise endete wie Entebbe. Beim Jibril-Abkommen 1985 ließ Israel über tausend palästinensische Gefangene im Austausch für drei israelische Soldaten frei. Beim Shalit-Deal 2011 waren es über tausend Häftlinge für einen einzigen Soldaten. Jedes Mal war die Frage dieselbe: Wo verläuft die Grenze zwischen dem Wert eines einzelnen Lebens und dem strategischen Preis, den der Staat für seine Rückkehr zahlt? Jedes Mal gab es Stimmen, die vor Abschreckungsverlust warnten, und Stimmen, die den stillen Vertrag beschworen. Was heute anders ist, ist nicht das Dilemma selbst, sondern sein politisches Gewicht. Ein Krieg, der noch läuft, macht jeden Deal zum Eingeständnis, dass der Krieg sein Ziel nicht erreicht hat. Darin liegt der Unterschied zwischen einem Austausch in Friedenszeiten und einem Austausch, der den Krieg beendet.

Warum der Mossad-Aufruf so wichtig ist

Die ehemaligen Mossad-Leute sprachen nicht in der Sprache der Kapitulation. Sie sprachen in der Sprache der Verantwortung.

Ihre Logik ist hart und einfach: Wenn militärischer Druck die Geiseln nicht sicher zurückbringt und sie zugleich gefährdet, dann wird die Fortsetzung des Krieges moralisch und strategisch fragwürdig.

Das entlastet Hamas nicht. Hamas trägt Verantwortung für Entführung, Gewalt und Terror. Aber die Verantwortung des Gegners hebt die Verantwortung der eigenen Regierung nicht auf.

Diese Unterscheidung ist der Kern des Aufrufs. Die ehemaligen Mossad-Chefs sagen nicht: Verhandelt um jeden Preis. Sie sagen: Wenn die militärische Option die Geiseln nicht zurückbringt, muss eine andere Option geprüft werden. Das ist keine Schwäche. Das ist operative Klarheit. Ein Geheimdienst, der seinen Zweck aus den Augen verliert, weil er in einer Eskalationsspirale gefangen ist, verliert nicht nur Geiseln. Er verliert die Fähigkeit, zwischen Mitteln und Zielen zu unterscheiden. Genau diese Fähigkeit war immer die Voraussetzung für die Existenz eines professionellen Sicherheitsapparates.

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Falsche Härte

Es ist leicht, „bis zum Sieg" zu sagen, wenn andere in Tunneln, Kasernen, Ruinen und Krankenhäusern zahlen. Es ist schwerer, einen Deal zu akzeptieren, der politisch schmerzt, aber Leben rettet.

Wahre Härte ist nicht immer Eskalation. Manchmal ist wahre Härte, den eigenen Mythos zu stoppen.

Hier liegt die Brisanz des Aufrufs. Er trennt Sicherheitsdenken von Siegerpose. Er fragt nicht, welche Formel am stärksten klingt. Er fragt, welche Handlung Menschen zurückbringt.

Der Aufruf macht außerdem sichtbar, dass Sicherheitspolitik nicht nur aus Härte besteht. Manchmal ist der härtere Satz derjenige, der ein Kriegsziel begrenzt, weil ein anderes Ziel wichtiger ist. Wer Geiseln zurückholen will, muss irgendwann fragen, ob maximale militärische Eskalation noch Mittel ist oder bereits zum Selbstzweck wurde. Diese Frage ist politisch toxisch, aber strategisch unvermeidbar.

Die politische Frage

Sobald ein Deal möglich ist, lautet die eigentliche Frage: Was steht höher, die Geiseln oder die Koalition?

Eine Regierung, die von Ben-Gvir und Smotrich abhängt, hat ein strukturelles Problem. Je stärker die extreme Rechte den Krieg als Identitätsprüfung auflädt, desto teurer wird ein pragmatischer Deal. Dann wird jedes Abkommen nicht nur militärisch, sondern koalitionspolitisch verhandelt.

So geraten Menschenleben in die Logik parlamentarischer Erpressbarkeit.

Dieser Mechanismus ist nicht neu in der israelischen Politik. Schon bei früheren Geiseldeals, etwa dem Shalit-Abkommen 2011, zeigte sich, dass die Frage der Freilassung nie nur eine sicherheitspolitische war. Sie war immer auch eine koalitionspolitische. Der Unterschied heute ist der Grad der Abhängigkeit. Eine Regierung, die von Ben-Gvir und Smotrich getragen wird, hat weniger Manövrierraum als jede vorherige. Jeder Kompromiss wird nicht als taktischer Schritt gelesen, sondern als Verrat an der Basis. Das macht pragmatische Politik fast unmöglich, ohne die Regierung zu sprengen.

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Die offene Stelle, und was die Gegenseite dagegensetzt

Ein Geiseldeal kann militärische Risiken erzeugen. Freigelassene Täter, Waffenruhe, Hamas-Überleben und zukünftige Abschreckung sind reale Themen. Ein Staat darf solche Risiken nicht ignorieren. Aber Risiken müssen gegen reale Leben abgewogen werden. Wer nur abstrakte Abschreckung schützt und konkrete Geiseln verliert, hat kein starkes Sicherheitsargument. Er hat eine Ideologie.

Die Gegenseite argumentiert hier mit Nachdruck. Netanyahus Lager und die extreme Rechte sehen einen Geiseldeal, der den Krieg beendet, nicht als Rettung, sondern als Niederlage. Sie verweisen auf die Tatsache, dass Hamas nach dem 7. Oktober 2023 Massaker beging, Geiseln entführte und systematisch Zivilisten als menschliche Schutzschilde verwendete. Wer mit einem solchen Gegner verhandelt, signalisiert, dass Terror funktioniert. Sie zeigen auf historische Präzedenzfälle, von Gilad Shalit 2011 bis zu früheren Gefangenenaustauschen, in denen Israel hunderte Häftlinge freigab und später ein Teil dieser Freigelassenen wieder in den Terror verwickelt war. Und sie erinnern daran, dass ein Waffenstillstand nicht automatisch Frieden bedeutet: Nach dem Rückzug aus Gaza 2005 wurde der Streifen nicht zu einem Modell demokratischer Entwicklung, sondern zur Hamas-Hochburg.

Aus dieser Sicht ist der Mossad-Aufruf nicht mutig, sondern naiv. Er priorisiert das Leben der Geiseln über die Sicherheit des Staates und ignoriert, dass ein Deal, der Hamas überleben lässt, den nächsten 7. Oktober nur verschiebt. Wer heute verhandelt, zahlt morgen mit mehr Blut. Dieses Argument ist nicht zynisch. Es ist die harte Logik eines Staates, der seit 75 Jahren existenzielle Bedrohungen erlebt.

Warum es mehr ist als Nachricht

Ein Staat zeigt seinen Code nicht in Siegesparolen. Er zeigt ihn daran, wen er zurückholt, wen er opfert und wann er bereit ist, eine politische Erzählung zu verlieren, um Menschenleben zu retten.

Geiseln zuerst ist keine linke Parole. Es ist der Stresstest der Staatsraison.

Dieser Stresstest gilt nicht nur für Israel. Jede Demokratie, die Bürger in Gefangenschaft weiß, steht vor derselben Frage: Wie viel ist ein Leben wert, und wie viel politischer Preis ist akzeptabel, um es zu retten? Die Antwort unterscheidet sich je nach Kontext, aber der Test ist universell. Ein Staat, der seine Bürger aufgibt, weil der politische Preis zu hoch ist, sendet eine Botschaft an jeden, der für ihn dient. Die Botschaft lautet: Eure Loyalität hat eine Grenze, und diese Grenze heißt Koalitionsarithmetik. Das ist kein abstraktes Problem. Es ist das Fundament, auf dem das Verhältnis zwischen Bürger und Staat ruht.

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Belege für die Spur

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