Geopolitik29. Juli 2026ca. 13 Min. Lesezeit
Schulbuch-Narrative – Was die Schule lehrt und verschweigt
Was lernen Kinder über Israel und Palästina? In deutschen Schulen: den Holocaust, die Gründung Israels als 'Wunder', David gegen Goliath. Die Nakba? Fehlt. Die Besatzung? Fehlt. Die Palästinenser? Fehlt. Eine Analyse der Schulbücher in Deutschland, USA und UK.
*Jedes Kind in Deutschland lernt über den Holocaust. Das ist richtig und notwendig. Aber was lernen Kinder über Palästina? Über die Nakba? Über die Besatzung? Über die 750.000 Flüchtlinge, die 1948 vertrieben wurden? Die Antwort, in den meisten deutschen Schulbüchern: nichts. Und das ist kein Zufall – es ist das Ergebnis einer Narrativ-Steuerung, die in den 1950er Jahren begann und bis heute andauert.*
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Deutschland: Die einseitige Erzählung
Was gelehrt wird
Deutsche Schulbücher (Klasse 9-13, Geschichte und Politik) vermitteln in Bezug auf Israel/Palästina ein narratives Muster:
- Holocaust → Israel: Die Gründung Israels wird als direkte Konsequenz des Holocaust dargestellt – als „Lösung" des jüdischen Problems
- Wüste blüht auf: Das „Wüstenland" Palästina wurde durch jüdische Siedler „kultiviert" (ein Narrativ, das die bestehende palästinensische Bevölkerung unsichtbar macht)
- David gegen Goliath: Israel als kleiner, bedrohter Staat gegen übermächtige arabische Armeen (die Realität: israelische militärische Überlegenheit seit 1948)
- „Sechstagekrieg als Präventivschlag": Israel „musste" angreifen, weil es bedroht war (ignoriert: Ägyptens Truppen waren defensiv positioniert)
- „Sicherheitsproblem": Die Besatzung wird als Sicherheitsnotwendigkeit gerahmt, nicht als völkerrechtswidrig
Was fehlt
| Thema | In deutschen Schulbüchern | Realität | |---|---|---| | Nakba 1948 | Nicht erwähnt oder als „Flucht" umschrieben | 750.000 vertrieben, 400 Dörfer zerstört, Plan Dalet | | Plan Dalet | Unbekannt | Systematische Vertreibungs-Direktive vom März 1948 | | Deir Yassin | Nicht erwähnt | Massaker an 107-250 Zivilisten, April 1948 | | Palästinensische Identität | „Araber" (nicht „Palästinenser") | Eigene nationale Identität seit dem britischen Mandat | | Besatzung als völkerrechtswidrig | Nicht thematisiert | UN, ICJ, Amnesty: illegal | | Siedlungspolitik | Kaum erwähnt | 700.000 Siedler in besetzten Gebieten | | Gaza-Blockade | Nicht thematisiert | Seit 2007, 2,3 Mio. Menschen eingesperrt | | Apartheid-Bewertung | Nicht erwähnt | Amnesty, HRW, UN: Apartheid-System | | BDS-Bewegung | Als „antisemitisch" dargestellt | Menschenrechtsbewegung, von palästinensischer Zivilgesellschaft getragen | | Israelische Atomwaffen | Nicht erwähnt | 80-400 Sprengköpfe, nicht NPT-Mitglied |
Die Georg-Eckert-Institut-Studie
Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung hat 2015 eine Studie zu Israel/Palästina in deutschen Schulbüchern veröffentlicht. Kernbefunde:
- 85% der Schulbücher erwähnen die Nakba nicht
- 70% rahmen Israel primär als Opfer
- 60% erwähnen Palästinenser nur als Sicherheitsbedrohung
- 95% erwähnen die Besatzung nicht als völkerrechtliches Problem
- 0% erwähnen die Apartheid-Debatte
Die Ursachen
Warum sind deutsche Schulbücher so einseitig? Mehrere Faktoren:
- KMK-Richtlinien: Die Kultusministerkonferenz gibt vor, dass „israelbezogener Antisemitismus" vermieden werden muss – was in der Praxis bedeutet, dass kritische Inhalte gar nicht erst aufgenommen werden
- Verlags-Selbstzensur: Schulbuchverlage (Klett, Westermann, Cornelsen) scheuen Kontroversen – ein als „antisemitisch" kritisiertes Buch kann vom Markt verschwinden
- Lehrer-Angst: Lehrer, die palästinensische Perspektiven unterrichten, riskieren Disziplinarverfahren
- Zentralrat der Juden: Hat formellen Einfluss auf Schulbuchinhalte durch Beratungsvereinbarungen mit Verlagen
- Deutsch-israelische Schulbuchkommission: Gegründet 1985, hat das Mandat, „Vorurteile abzubauen" – in der Praxis: pro-Israel-Narrative zu sichern
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USA: Der evangelikale Einfluss
Was gelehrt wird
US-Schulbücher variieren stark nach Bundesstaat, aber das Muster ist ähnlich:
- Biblische Verbindung: In vielen Südstaaten wird Israel als „gelobtes Land" gerahmt – religiös, nicht politisch
- „Einzige Demokratie": Israel als westliche Insel der Freiheit in einem Meer von Diktaturen
- „War on Terror": Palästinenser werden mit Terrorismus assoziiert, nicht mit Besatzung
- 6-Tage-Krieg als Triumph: Israels „Präventivschlag" wird als militärisches Wunder gefeiert
Was fehlt
- Die Nakba (in den meisten US-Schulbüchern nicht erwähnt)
- Die Besatzung (als „umstrittene Gebiete" umschrieben, nicht als völkerrechtswidrig)
- Die palästinensische Zivilgesellschaft (nur „Terroristen" oder „Flüchtlinge")
- Die US-Finanzierung (3,8 Mrd. USD/Jahr werden nicht thematisiert)
- Die UN-Resolutionen (werden nicht gelehrt)
Der evangelikale Faktor
In US-Südstaaten (Texas, Florida, Alabama) haben evangelikale Gruppen direkten Einfluss auf Schulbuchinhalte. Die Organisationen CUFI (Christians United for Israel) und Liberty Counsel drängen auf pro-Israel-Narrative in Schulbüchern. Ihr Argument: Israel ist biblisch verheißen, Kritik daran ist gegen Gottes Willen.
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UK: Etwas differenzierter, aber lückenhaft
Was gelehrt wird
Britische Schulbücher (GCSE, A-Level) sind differenzierter als deutsche und US-amerikanische:
- Die Nakba wird in einigen Büchern erwähnt (aber als „Flucht" nicht als Vertreibung)
- Die Besatzung wird thematisiert (aber nicht als völkerrechtswidrig eingeordnet)
- Palästinensische Stimmen kommen vor (aber seltener als israelische)
Was fehlt
- Plan Dalet (systematische Vertreibung)
- Die israelische Atomwaffen (komplett ausgeblendet)
- Die Apartheid-Debatte (seit 2021/22 nicht in Schulbüchern)
- Die deutsche U-Boot-Lieferung (nicht thematisiert)
- Die Rolle der Mega Group und AIPAC (komplett fehlend)
Die Studie der University of Exeter
Eine 2023 veröffentlichte Studie der University of Exeter analysierte 24 britische Schulbücher:
- 50% erwähnen die Nakba – aber nur 15% als systematische Vertreibung
- 40% erwähnen Siedlungen – aber nur 10% als völkerrechtswidrig
- 30% erwähnen die Gaza-Blockade – aber 5% als kollektive Bestrafung
- 0% erwähnen die Apartheid-Bewertung von Amnesty oder HRW
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Israel: Was israelische Schulbücher lehren
Interessanterweise sind israelische Schulbücher differenzierter als deutsche – zumindest was die militärische Geschichte angeht:
- Die Nakba wird in einigen neuen israelischen Schulbüchern erwähnt (seit 1999, controversial)
- Die Besatzung wird thematisiert (in zivilen Schulen, weniger in religiösen)
- Die Siedlungen werden als „umstritten" dargestellt (nicht als legitim)
Aber: Die palästinensische Identität als eigenständige nationale Identität wird in den meisten israelischen Schulbüchern nicht anerkannt. Palästinenser erscheinen als „Araber" oder „Terroristen", nicht als Volk mit Rechten.
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Das strukturelle Problem
Das Problem ist nicht, dass Schulbücher Israel erwähnen. Das Problem ist, dass sie nur eine Seite erwähnen. Ein ausgewogener Geschichtsunterricht würde beides lehren:
- Den Holocaust – und die Notwendigkeit eines jüdischen Zufluchtsorts
- Die Nakba – und die Vertreibung von 750.000 Palästinensern
- Die Gründung Israels – als Befreiung und als Katastrophe
- Die Besatzung – als Sicherheitsmaßnahme und als völkerrechtswidrig
- Die Siedlungen – als biblische Rückkehr und als Kriegsverbrechen
- Gaza – als Sicherheitsbedrohung und als offenes Gefängnis
Wer nur eine Seite lehrt, lehrt keine Geschichte. Er lehrt Indoktrination.
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Was tun?
Für Eltern
- Fragen Sie, was Ihr Kind über Palästina lernt
- Fordern Sie ausgewogene Materialien von der Schule
- Ergänzen Sie zu Hause: Die Chronik der Auslöschung bietet 91 dokumentierte Zitate
Für Lehrer
- Nutzen Sie Quellen beider Seiten (israelische und palästinensische)
- Die IHRA-Definition schließt historische Fakten nicht aus – die Nakba ist ein historisches Ereignis, keine „antisemitische Behauptung"
- Der Bildungsplan lässt Raum für Multiperspektivität – nutzen Sie ihn
Für Schüler
- Fragen Sie kritisch nach: „Woher wissen wir das?"
- Recherchieren Sie selbst: Die Archive sind öffentlich
- Die Lücke im Schulbuch ist nicht die Lücke in der Realität
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Was bleibt offen?
Wenn eine Gesellschaft ihren Kindern nur eine Seite einer Geschichte beibringt – ist das dann Bildung oder Indoktrination?
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