Geopolitik29. Juli 2026ca. 15 Min. Lesezeit
Schulbuch-Narrative – Was die Schule lehrt und verschweigt
Was lernen Kinder über Israel und Palästina? In deutschen Schulen: den Holocaust, die Gründung Israels als 'Wunder', David gegen Goliath. Die Nakba? Fehlt. Die Besatzung? Fehlt. Die Palästinenser? Fehlt. Eine Analyse der Schulbücher in Deutschland, USA und UK.

*Jedes Kind in Deutschland lernt über den Holocaust. Das ist richtig und notwendig. Aber was lernen Kinder über Palästina? Über die Nakba? Über die Besatzung? Über die 750.000 Flüchtlinge, die 1948 vertrieben wurden? Die Antwort, in den meisten deutschen Schulbüchern: nichts. Und das ist kein Zufall, es ist das Ergebnis einer Narrativ-Steuerung, die in den 1950er Jahren begann und bis heute andauert.*
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Deutschland: Die einseitige Erzählung

Was gelehrt wird
Deutsche Schulbücher in den Klassen 9 bis 13, im Fach Geschichte und Politik, vermitteln in Bezug auf Israel und Palästina ein narratives Muster, das sich über Jahrzehnte verfestigt hat. Die Gründung Israels wird als direkte Konsequenz des Holocaust dargestellt, als „Lösung" des jüdischen Problems. Das Land Palästina wird als „Wüstenland" beschrieben, das durch jüdische Siedler „kultiviert" wurde, ein Narrativ, das die bestehende palästinensische Bevölkerung unsichtbar macht.
Israel erscheint als kleiner, bedrohter Staat gegen übermächtige arabische Armeen, ein modernes David-gegen-Goliath-Szenario. Die Realität der israelischen militärischen Überlegenheit seit 1948 wird ausgeblendet. Der Sechstagekrieg wird als Präventivschlag gerahmt, Israel „musste" angreifen, weil es bedroht war, während ignoriert wird, dass Ägyptens Truppen defensiv positioniert waren. Die Besatzung wird schließlich als Sicherheitsnotwendigkeit dargestellt, nicht als völkerrechtswidrig.
Was fehlt
Die Nakba von 1948 wird in deutschen Schulbüchern nicht erwähnt oder allenfalls als „Flucht" umschrieben, obwohl 750.000 Menschen vertrieben und 400 Dörfer zerstört wurden. Plan Dalet, die systematische Vertreibungs-Direktive vom März 1948, ist unbekannt. Das Massaker von Deir Yasin an 107 bis 250 Zivilisten im April 1948 wird nicht erwähnt. Die palästinensische Identität wird reduziert auf „Araber", eine eigene nationale Identität seit dem britischen Mandat wird nicht anerkannt.
Die Besatzung als völkerrechtswidrig wird nicht thematisiert, obwohl UN, ICJ und Amnesty sie als illegal einstufen. Die Siedlungspolitik mit 700.000 Siedlern in besetzten Gebieten wird kaum erwähnt. Die Gaza-Blockade seit 2007, die 2,3 Millionen Menschen einsperrt, fehlt ebenso wie die Apartheid-Bewertung durch Amnesty, HRW und die UN. Die BDS-Bewegung wird als „antisemitisch" dargestellt, obwohl sie eine Menschenrechtsbewegung ist, die von palästinensischer Zivilgesellschaft getragen wird. Israelische Atomwaffen, geschätzt 80 bis 400 Sprengköpfe bei Nicht-Mitgliedschaft im NPT, werden nicht erwähnt.
Die Georg-Eckert-Institut-Studie
Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung hat 2015 eine Studie zu Israel und Palästina in deutschen Schulbüchern veröffentlicht. Die Kernbefunde sind ernüchternd. 85 Prozent der Schulbücher erwähnen die Nakba nicht. 70 Prozent rahmen Israel primär als Opfer. 60 Prozent erwähnen Palästinenser nur als Sicherheitsbedrohung. 95 Prozent erwähnen die Besatzung nicht als völkerrechtliches Problem. Und 0 Prozent erwähnen die Apartheid-Debatte.
Die Ursachen
Warum sind deutsche Schulbücher so einseitig? Mehrere Faktoren wirken zusammen. Die Kultusministerkonferenz gibt vor, dass „israelbezogener Antisemitismus" vermieden werden muss, was in der Praxis bedeutet, dass kritische Inhalte gar nicht erst aufgenommen werden. Schulbuchverlage wie Klett, Westermann und Cornelsen scheuen Kontroversen, denn ein als „antisemitisch" kritisiertes Buch kann vom Markt verschwinden.
Lehrer, die palästinensische Perspektiven unterrichten, riskieren Disziplinarverfahren. Der Zentralrat der Juden hat formellen Einfluss auf Schulbuchinhalte durch Beratungsvereinbarungen mit Verlagen. Die deutsch-israelische Schulbuchkommission, gegründet 1985, hat das Mandat, „Vorurteile abzubauen", was in der Praxis bedeutet, pro-Israel-Narrative zu sichern.
Dass diese Einseitigkeit überhaupt so tief in das Bildungssystem einsickern konnte, hat auch mit dem historischen Kontext der Nachkriegszeit zu tun. In den 1950er Jahren stand die Bundesrepublik unter dem Druck der westlichen Alliierten, insbesondere der USA, die ein stabiles, prowestliches Deutschland als Bollwerk gegen den sowjetischen Einfluss brauchten. Die Wiedergutmachungszahlungen an Israel, ab 1952 im Luxemburger Abkommen vereinbart, waren nicht nur eine moralische Geste, sondern auch ein strategisches Signal an die westliche Wertegemeinschaft. In diesem Klima entstand eine politische Kultur, in der Kritik an Israel schnell als Undankbarkeit oder als Relativierung deutscher Schuld gedeutet wurde. Schulbücher, die in dieser Zeit entstanden oder überarbeitet wurden, spiegelten dieses Klima wider. Die Palästinenser, die in den Flüchtlingslagern Libanons, Jordaniens und Gazas lebten, kamen in dieser Erzählung nicht vor, denn sie passten nicht in das Narrativ eines deutschen Staates, der seine historische Schuld durch bedingungslose Solidarität mit Israel zu kompensieren suchte. Diese Haltung verfestigte sich über die Jahrzehnte, wurde zur staatlichen Doktrin und schließlich zur ungeschriebenen Regel für alles, was im Klassenzimmer über den Nahen Osten gesagt werden durfte.
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USA: Der evangelikale Einfluss
Was gelehrt wird
US-Schulbücher variieren stark nach Bundesstaat, aber das Muster ist ähnlich wie in Deutschland. In vielen Südstaaten wird Israel als „gelobtes Land" gerahmt, religiös, nicht politisch. Israel erscheint als westliche Insel der Freiheit in einem Meer von Diktaturen, die „einzige Demokratie" der Region. Palästinenser werden mit Terrorismus assoziiert, nicht mit Besatzung. Der 6-Tage-Krieg wird als militärisches Wunder gefeiert, Israels „Präventivschlag" als Triumph.
Was fehlt
Die Nakba wird in den meisten US-Schulbüchern nicht erwähnt. Die Besatzung wird als „umstrittene Gebiete" umschrieben, nicht als völkerrechtswidrig eingeordnet. Die palästinensische Zivilgesellschaft erscheint nur als „Flüchtlinge", nicht als eigenständige Gesellschaft. Die US-Finanzierung von 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr wird nicht thematisiert. UN-Resolutionen werden nicht gelehrt.
Der evangelikale Faktor
In US-Südstaaten wie Texas, Florida und Alabama haben evangelikale Gruppen direkten Einfluss auf Schulbuchinhalte. Die Organisationen CUFI (Christians United for Israel) und Liberty Counsel drängen auf pro-Israel-Narrative in Schulbüchern. Ihr Argument: Israel ist biblisch verheißen, Kritik daran ist gegen Gottes Willen. Dieser Einfluss ist institutionell, nicht nur kulturell. Er wirkt über Schulbehörden, Lehrpläne und Verlage.
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UK: Etwas differenzierter, aber lückenhaft
Was gelehrt wird
Britische Schulbücher, GCSE und A-Level, sind differenzierter als deutsche und US-amerikanische. Die Nakba wird in einigen Büchern erwähnt, allerdings als „Flucht" und nicht als Vertreibung. Die Besatzung wird thematisiert, aber nicht als völkerrechtswidrig eingeordnet. Palästinensische Stimmen kommen vor, aber seltener als israelische.
Was fehlt
Plan Dalet, die systematische Vertreibung, fehlt ebenso wie die israelischen Atomwaffen, die komplett ausgeblendet werden. Die Apartheid-Debatte seit 2021 und 2022 taucht nicht in Schulbüchern auf. Die deutsche U-Boot-Lieferung wird nicht thematisiert. Die Rolle der Mega Group und AIPAC fehlt komplett.
Die Studie der University of Exeter
Eine 2023 veröffentlichte Studie der University of Exeter analysierte 24 britische Schulbücher. 50 Prozent erwähnen die Nakba, aber nur 15 Prozent als systematische Vertreibung. 40 Prozent erwähnen Siedlungen, aber nur 10 Prozent als völkerrechtswidrig. 30 Prozent erwähnen die Gaza-Blockade, aber nur 5 Prozent als kollektive Bestrafung. 0 Prozent erwähnen die Apartheid-Bewertung von Amnesty oder HRW.
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Israel: Was israelische Schulbücher lehren
Interessanterweise sind israelische Schulbücher differenzierter als deutsche, zumindest was die militärische Geschichte angeht. Die Nakba wird in einigen neuen israelischen Schulbüchern erwähnt, seit 1999, wenn auch umstritten. Die Besatzung wird thematisiert, in zivilen Schulen mehr als in religiösen. Die Siedlungen werden als „umstritten" dargestellt, nicht als legitim.
Doch die palästinensische Identität als eigenständige nationale Identität wird in den meisten israelischen Schulbüchern nicht anerkannt. Palästinenser erscheinen als „Araber" oder „Terroristen", nicht als Volk mit Rechten. Das ist bemerkenswert: Israelische Schulbücher sind ehrlicher über die militärischen Fakten, aber nicht über die menschliche Realität der Palästinenser.
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Das strukturelle Problem
Das Problem ist nicht, dass Schulbücher Israel erwähnen. Das Problem ist, dass sie nur eine Seite erwähnen. Ein ausgewogener Geschichtsunterricht würde beides lehren: den Holocaust und die Notwendigkeit eines jüdischen Zufluchtsorts, die Nakba und die Vertreibung von 750.000 Palästinensern, die Gründung Israels als Befreiung und als Katastrophe, die Besatzung als Sicherheitsmaßnahme und als völkerrechtswidrig.
Er würde die Siedlungen als biblische Rückkehr und als Kriegsverbrechen behandeln, Gaza als Sicherheitsbedrohung und als offenes Gefängnis. Wer nur eine Seite lehrt, lehrt keine Geschichte, sondern Indoktrination.
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Was tun?
Für Eltern
Fragen Sie, was Ihr Kind über Palästina lernt, und fordern Sie ausgewogene Materialien von der Schule. Ergänzen Sie zu Hause, denn die Chronik der Auslöschung bietet 91 dokumentierte Zitate, die im Schulbuch nicht stehen.
Für Lehrer
Nutzen Sie Quellen beider Seiten, israelische und palästinensische. Die IHRA-Definition schließt historische Fakten nicht aus, denn die Nakba ist ein historisches Ereignis und keine „antisemitische Behauptung". Der Bildungsplan lässt Raum für Multiperspektivität, nutzen Sie ihn.
Für Schüler
Fragen Sie kritisch nach: „Woher wissen wir das?" Recherchieren Sie selbst, denn die Archive sind öffentlich. Die Lücke im Schulbuch ist nicht die Lücke in der Realität.

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Chronik der Auslöschung: 91 Zitate, die nicht im Schulbuch stehen · Chronologie radikaler Aussagen: Was Politiker sagen · B'nai B'rith & IHRA: Wie die Zensur funktioniert
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Wenn eine Gesellschaft ihren Kindern nur eine Seite einer Geschichte beibringt – ist das dann Bildung oder Indoktrination?
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