Zurück zum Blog

Recherche03. August 2026ca. 10 Min. Lesezeit

Serbien und die Vertuschung von Kriegsverbrechen: Eine Reihe

744 Leichen unter einem Polizeischießplatz. Ein Zeuge, der sie fand, sitzt als Spion in Haft. Ein General, der das Kommando hatte, ist nie angeklagt worden. Ein Prozess ohne Angeklagte.

serbien kriegsverbrechenkosovo kriegbatajnica massengrabradosavljevic guribytyqi brüderhumanitarian law centervertuschungrecherche
29 November 2017 - Courtroom 3 and Presiding Judge President Agius at the Prlić Appeals Judgement.

Dieser Artikel ist das Zentrum der Reihe über das systematische Muster serbischer Vertuschung von Kriegsverbrechen aus dem Kosovo-Krieg 1998–1999. Er sortiert alle veröffentlichten Artikel zu Massengräbern in Serbien, zur Straflosigkeit der Täter, zur Verhaftung von Aufklärern und zum Kosovo-Prozess in Pristina. Wer hier landet, findet einen strukturierten Einstieg in eine Recherche, die sich nicht mit Schlagzeilen begnügt, sondern in die Primärquellen hineingeht.

01 / 09

Das Muster in einer Zahl

941. So viele Leichen kosovo-albanischer Zivilisten wurden seit 2001 in fünf Massengräbern auf serbischem Staatsgebiet gefunden, auf Polizeigeländen, an einem Stausee, in einem Steinbruch. Die meisten waren nicht in Kampfhandlungen getötet worden, sondern durch Genickschüsse. Frauen und Kinder darunter. Die Leichen wurden mit Kühl-Lkw aus Kosovo nach Serbien transportiert, mit Benzin übergossen, verbrannt und verscharrt. Die Entscheidung zur Vertuschung wurde, laut dem Humanitarian Law Center, bereits im März 1999 auf höchster Regierungsebene getroffen.

Niemand wurde in Serbien dafür verurteilt. Keiner der Massengrab-Orte ist markiert. Und wer half, sie zu finden, wird verhaftet.

Die Logistik dieser Vertuschungsoperation war industrieller Natur. Kühl-Lkw, die normalerweise für Fleischtransporte eingesetzt wurden, fuhren nachts von Kosovo nach Serbien, begleitet von Polizeieskorten. Die Leichen wurden an vorbereiteten Orten entladen, mit Benzin übergossen und verbrannt, bevor man sie verscharrte. In Batajnica, auf dem Gelände der Spezialeinheit SAJ im Vorort von Belgrad, wurden die Gräber mit schwerem Gerät ausgehoben und nach der Verbringung der Leichen planiert. Der Schießplatz wurde darüber normal weitergenutzt. Dass ein solcher Ort als Massengrab ausgewählt wurde, war keine Improvisation, sondern eine Entscheidung, die Zugang zu schwerem Gerät, abgeriegeltem Gelände und Personal sicherstellte, das schweigen würde.


02 / 09

Die fünf Orte

OrtLeichenEntdecktGelände
Batajnica7442001SAJ-Schießplatz, Vorort von Belgrad
Perućac-See842001Stausee an der Drina
Petrovo Selo612001SAJ-Trainingslager, Ostserbien
Rudnica522013Steinbruch nahe Kosovo-Grenze
Kiževak172020Bergwerk nahe Kosovo-Grenze

Der ausführliche Artikel Batajnica: 744 Leichen unter dem Schießplatz dokumentiert den größten Fund, die forensischen Details, die Transportrouten, die Aussagen der Insider, die Behinderung der Ermittler durch die Spezialeinheit SAJ, und das HLC-Dossier zur „Concealment of Bodies Operation".


03 / 09

Der Zeuge, der zum Spion wurde

Am 30. Juli 2026 wurde in Kraljevo ein 46-jähriger Mann mit den Initialen R.T. verhaftet. Er ist ein Serbe aus Istog im nördlichen Kosovo. Der Vorwurf: Spionage. Der Kontext: R.T. hatte bereits 2003 bei UNMIK-Ermittlern ausgesagt und 2013 öffentlich über ein Massengrab in Kalludër e Vogël (Zubin Potok) berichtet, 23 albanische Zivilisten, die 1999 dort getötet und begraben worden sein sollen. Wenige Tage vor seiner Verhaftung begannen die Ausgrabungen. Menschliche Überreste wurden gefunden.

Der Artikel R.T. verhaftet: Wenn Zeugen zu Spionen werden dokumentiert den Fall, die Aussagen von Albin Kurti, der Reaktion des Analysten Rron Gjinovci, und das Muster, das Kurti beschreibt: Serbien verhaftet Serben, die vor über zwei Jahrzehnten UNMIK und internationalen Organisationen von Verbrechen berichteten, unter dem Vorwurf der Spionage.


04 / 09

Der General, der nie angeklagt wurde

Goran Radosavljević, genannt „Guri" (albanisch: Stein), geboren 1957, war Kommandant der Spezialeinheit SAJ und des Trainingslagers in Petrovo Selo, dort, wo 61 Leichen gefunden wurden, und dort, wo die Bytyqi-Brüder (Ylli, Mehmet, Agron), drei albanisch-amerikanische Freiwillige der UÇK, nach ihrer formellen Freilassung am 8. Juli 1999 hingebracht, gefoltert und mit Genickschüssen hingerichtet wurden. Sie lagen oben auf dem Massengrab, auf 70 weiteren Leichen.

Radosavljević wurde in Serbien nie angeklagt. Ein Haftbefehl wurde 2006/2007 ausgestellt, ohne Anklage. Er ist heute Geschäftsmann und Vorstandsmitglied der Serbischen Fortschrittspartei (SNS), der Partei von Präsident Aleksandar Vučić. Erst die USA sanktionierten ihn 2018. Der Artikel Goran Radosavljević „Guri": Der unantastbare General zeichnet seinen Werdegang nach, vom Račak-Massaker über Ćuška bis Petrovo Selo, und fragt, warum Serbien ihn nie anklagte.


05 / 09

Der Prozess ohne Angeklagte

Am 31. Juli 2026 eröffnete das Grundgericht in Pristina den Prozess gegen 21 serbische Beamte, in absentia, also in Abwesenheit. Keiner der Angeklagten ist erschienen. Keiner hat sich gestellt. Internationale Haftbefehle wurden erlassen. Die Anklage: das Račak-Massaker vom 15. Januar 1999, bei dem 42 kosovo-albanische Zivilisten ermordet wurden, ein Ereignis, das die NATO-Luftangriffe auslöste.

Unter den Angeklagten: Goran Radosavljević, Obrad Stevanović (ehem. Polizeichef), Radomir Marković (ehem. Geheimdienstchef), Sreten Popović (OPG-Kommandeur, auch im Bytyqi-Fall). Der Artikel Kosovo-Prozess in absentia: 21 Angeklagte, 0 Anwesende dokumentiert den Prozess, die Anklage, die Reaktionen und die Frage, was ein Abwesenheitsverfahren für die Aufarbeitung bedeutet.


06 / 09

Die Dokumentationsstelle

Das Humanitarian Law Center (HLC) in Belgrad, gegründet von Nataša Kandić, ist die wichtigste unabhängige Dokumentationsstelle für Kriegsverbrechen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Das Archiv umfasst 185.000 Dokumente, 11.400 Zeugenaussagen (davon 9.939 zu Kosovo), und eine Opfer-Datenbank mit 25.659 erfassten Personen. Das HLC veröffentlichte 2017 das Dossier *„The Concealment of Bodies Operation"*, die umfassendste Dokumentation der Vertuschungsoperation. Seine Aussagen führten zu Ausgrabungen wie jener in Zubin Potok.

Nataša Kandić gründete das HLC 1992, mitten im Bosnienkrieg, als unabhängige Organisation, die Kriegsverbrechen unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit der Täter dokumentierte. Diese Unparteilichkeit machte sie in Serbien zur Zielscheibe nationalistischer Kampagnen. Sie erhielt Morddrohungen, wurde in den Medien als Verräterin bezeichnet und mehrfach verklagt. Dennoch setzte sie ihre Arbeit fort und baute ein Archiv auf, das heute als die umfassendste unabhängige Quelle für Kriegsverbrechen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien gilt. Das HLC arbeitet ohne staatliche Unterstützung und ist auf internationale Spenden angewiesen, was seine Existenz ständig bedroht. Dass eine solche Organisation die wichtigste Aufarbeitungsinstanz für die Verbrechen der 1990er Jahre ist, während staatliche Behörden schweigen oder behindern, sagt mehr über den Zustand der serbischen Aufarbeitung als jeder offizielle Bericht.


07 / 09

Historischer Kontext

Diese Reihe ergänzt die bestehende Herzl-und-Serbien-Reihe, die die historischen Verbindungen zwischen Serbien und dem Zionismus vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart dokumentiert. Während jene Reihe die politisch-historische Achse beleuchtet, konzentriert sich diese Reihe auf die Aufklärung und Vertuschung von Kriegsverbrechen aus dem Kosovo-Krieg 1998–1999, ein Thema, das bis heute die Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo belastet.

Der Kosovo-Krieg 1998–1999 war der letzte Konflikt der jugoslawischen Auflösungskriege und begann mit der Eskalation zwischen der UÇK (Befreiungsarmee des Kosovo) und serbischen Sicherheitskräften. Die NATO intervenierte im März 1999 mit Luftangriffen auf serbische Positionen und Infrastruktur, nachdem Verhandlungen in Rambouillet gescheitert waren. Während der 78-tägigen Bombardierung verschleppten serbische Einheiten systematisch kosovo-albanische Zivilisten, plünderten Dörfer und zerstörten Kulturgut. Die Vertuschungsoperation begann parallel zu diesen Aktionen, nicht erst nach Kriegsende, was darauf hindeutet, dass die Führung bereits während des Konflikts die spätere Aufklärung verhindern wollte. Die Massengräber in Serbien wurden nicht zufällig entdeckt, sondern durch Aussagen von Insidern und die geduldige Arbeit des HLC, oft Jahre oder Jahrzehnte nach den Ereignissen. Der Fund in Rudnica gelang erst 2013, jener in Kiževak erst 2020, also über zwei Jahrzehnte nach dem Krieg.


08 / 09

Methodik

Jeder Artikel dieser Reihe folgt demselben Raster. Zuerst wird geklärt, was belegt ist: Primärquellen, forensische Befunde, Gerichtsdokumente und Zeugenaussagen. Darauf folgt, was interpretierbar ist: Zusammenhänge, Motive und Strukturen. Dann wird benannt, was offen bleibt: unbeantwortete Fragen, fehlende Daten und nicht zugängliche Archive. Schließlich wird gefragt, was politisch ist: wer profitiert, wer schweigt, wer verhaftet wird und wer nicht.

Dieses Raster erzwingt eine Trennung zwischen Fakten und Deutung. Wer beides vermischt, produziert Meinung. Wer beides trennt, produziert Aufarbeitung.

Aufarbeitung ist keine Rache. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass das nächste Mal besser entschieden wird. Aber Aufarbeitung setzt voraus, dass Zeugen nicht als Spione verhaftet werden.

09 / 09

Die Artikel der Reihe

Der erste Artikel, **Batajnica: 744 Leichen unter dem Schießplatz, dokumentiert den größten Massengrab-Fund in Serbien forensisch. Der zweite, R.T. verhaftet: Wenn Zeugen zu Spionen werden, beschreibt, wie ein 46-jähriger Serbe aus Istog verhaftet wird, weil er half, ein Massengrab zu finden. Der dritte, Goran Radosavljević „Guri": Der unantastbare General, zeichnet den Weg vom Račak-Massaker bis zu den Bytyqi-Brüdern nach: ein General, der nie angeklagt wurde. Der vierte, Kosovo-Prozess in absentia: 21 Angeklagte, 0 Anwesende**, dokumentiert den Prozess in Pristina, an dem keiner der Angeklagten teilnimmt.


*Zurück zur Blog-Übersicht*

Vertiefung in der Chronik

Zitat-DatenbankPersonen-Profile
Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

Batajnica: 744 Leichen unter dem Schießplatz

2001 wurden 744 Leichen kosovo-albanischer Zivilisten auf dem Trainingsgelände der Spezialeinheit SAJ in Batajnica gefunden. Die Leichen waren mit Kühl-Lkw aus Kosovo transportiert, mit Benzin übergossen und verbrannt worden. Die SAJ behinderte die Ermittler und fuhr mit Schießübungen fort. Das HLC dokumentierte die Vertuschungsoperation.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Foreign Office Minister Henry Bellingham meeting Judge Theodor Meron, President International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY) in Lo
Recherche16 Min.

Batajnica: 744 Leichen unter dem Schießplatz

Kühl-Lkw kamen nachts aus Kosovo. Ein Traktorfahrer grub die Gruben. Die Leichen wurden mit Benzin übergossen und verbrannt. 744 Kosovo-Albaner, gefunden auf dem Schießplatz der Spezialeinheit SAJ bei Belgrad.

Lesen
View from the defence side.
Recherche14 Min.

R.T. verhaftet: Wenn Zeugen zu Spionen werden

Ein 46-jähriger Serbe aus Istog half, ein Massengrab zu finden. Serbien verhaftet ihn als Spion. Wenige Tage zuvor begannen die Ausgrabungen.

Lesen
Flag of Serbia
Recherche15 Min.

Goran Radosavljević „Guri": Der unantastbare General

Kommandant beim Račak-Massaker. Kommandant beim Ćuška-Massaker. Kommandant des Lagers, in dem die Bytyqi-Brüder exekutiert wurden. Nie in Serbien angeklagt. Heute Parteifreund von Präsident Vučić.

Lesen
Recherche11 Min.

CUFI, Hagee, Hegseth – Die Endzeiten-Lobby wird Regierungspolitik (2006-2026)

2006 gründet ein Televangelist eine Lobby mit 10 Millionen Mitgliedern. 2025 sitzt ein Mann, der dieselbe Theologie vertritt, im Pentagon. Die theologische Pipeline, die 1827 in Irland begann, endet im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten. Das ist keine Verschwörung. Das ist dokumentierte Geschichte.

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn ein Staat Zeugen, die Massengräber aufdecken, als Spione verhaftet, ist das dann noch Vertuschung, oder schon Geständnis?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic