Sport & Macht11. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit
Die Hand Gottes Erben: Messis Handspiele von 2007 bis 2026
Maradona 1986, Messi 2007, Messi 2022 – Eine Timeline der ungeahndeten Hände
Es ist das berühmteste Tor der Fußballgeschichte. Am 22. Juni 1986 springt Diego Maradona im Viertelfinale gegen England im Azteken-Stadion von Mexiko-Stadt gegen den englischen Torwart Peter Shilton. Maradona ist achtzehn Zentimeter kleiner. Er verliert den Zweikampf in der Luft – und schlägt den Ball mit der linken Hand ins Tor. Der tunesische Schiedsrichter Ali Bin Nasser sieht es nicht. Sein Assistent Bogdan Dochev sieht es nicht. Das Tor zählt. Maradona sagt nach dem Spiel, er habe es «ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes» erzielt. Argentinien gewinnt 2:1, zieht ins Halbfinale ein, wird Weltmeister. Die Hand Gottes wird zum Mythos. Zum Beweis, dass der Fußball nicht gerecht ist. Zum Beweis, dass die Großen andere Regeln haben als die Kleinen. Quelle: ESPN – The Hand of God (externer Link, öffnet in neuem Tab). Quelle: Wikipedia – The Hand of God (externer Link, öffnet in neuem Tab).
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2007: Hand of God II
Am 9. Juni 2007, der letzte Spieltag der La Liga-Saison 2006/07, steht Barcelona gegen Espanyol im Camp Nou. Barcelona liegt zurück. Lionel Messi, neunzehn Jahre alt, springt nach einer Flanke von Gianluca Zambrotta. Er formt den Kopf, als würde er köpfen. Aber der Ball prallt nicht von seiner Stirn ab. Er prallt von seiner Hand ab. Der Ball geht ins Tor. Der Schiedsrichter sieht es nicht. Das Tor zählt. Messi rennt jubelnd weg. Die Espanyol-Spieler protestieren. Vergeblich. Barcelona gewinnt das Spiel. Messi wird gefeiert. Die spanischen Medien nennen es «Hand of God II». Die Zeitung El Mundo schreibt: «Messi kanalisiert den Geist von Maradona.» Quelle: Sky Sports – Maradona, Messi, Henry, Suarez handballs (externer Link, öffnet in neuem Tab). Quelle: Wikipedia – The Hand of God (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Thierry Henry, der französische Stürmer, der 2009 selbst ein Handspiel im WM-Playoff gegen Irland beging, sagte später etwas, das die Doppelmoral auf den Punkt bringt: «Wenn ich sehe, wie Messi gegen Espanyol mit der Hand trifft, mit einem Hechtsprung, dann sagen die Leute: Was für ein Genie, jetzt ist er Maradona näher als je zuvor. Aber wenn ich es mache, ist es, als hätte ich jemanden umgebracht.» Henry meinte das nicht als Beschwerde. Er meinte es als Beobachtung. Die gleiche Aktion, unterschiedlich bewertet, je nachdem, wer sie ausführt. Quelle: Sky Sports – Maradona, Messi, Henry, Suarez handballs (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Die Hand Gottes ist nicht ein Vorfall. Sie ist ein Privileg. Wer sie hat, wird gefeiert. Wer sie nicht hat, wird bestraft.
Die spanische Liga prüfte den Vorfall retrospektiv. Eine Sperre von einem Spiel wurde diskutiert. Sie kam nicht. Messi spielte im Saisonfinale gegen Gimnastic, erzielte zwei Tore. Barcelona gewann 5:1. Die Hand blieb ungeahndet. Wie 1986. Wie immer, wenn der Name des Täters groß genug ist.
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2022: Niederlande – Die Hand, die niemand sah
Sechzehn Jahre später. WM 2022 in Katar. Viertelfinale Argentinien gegen die Niederlande. Es ist das Spiel, das Louis van Gaal später als «premeditated» bezeichnen sollte. Das Spiel mit achtzehn gelben Karten und einer roten. Das Spiel, in dem Messi nach dem Abpfiff den niederländischen Ex-Spieler Edgar Davids im Interviewbereich anbrüllt. Das Spiel, in dem die Schiedsrichterleistung von Antonio Mateu Lahoz so katastrophal war, dass die FIFA ihn aus dem Turnier nahm.
In der zweiten Hälfte, mit Argentinien 2:0 in Führung, passiert etwas, das die Kamera einfängt, aber der Schiedsrichter nicht sieht. Messi springt nach einem Ball, streckt die Hand aus und berührt den Ball bewusst mit der Hand. Es ist kein versehentliches Abprallen. Es ist ein gezielter Griff. Der spanische Schiedsrichter pfeift nicht. VAR greift nicht ein. Messi bekommt keine gelbe Karte. Nicht einmal eine Verwarnung. Die Niederländer sind fassungslos. Auf Social Media explodiert der Vorfall. «Hand of God 3.0» trendet weltweit. «Somewhere Diego Maradona is smiling», schreibt ein Nutzer. Ein anderer: «My brother in Christ, Lionel Messi should have been sent off for that handball.» Quelle: ClutchPoints – Messi uncalled handball vs Netherlands (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Dominic Booth von Sporting News schrieb: «The referee not booking Messi for handball because… it's Lionel Messi.» Das ist die Essenz. Nicht die Aktion ist strittig. Die Identität des Akteurs bestimmt die Konsequenz. Ein Spieler der Niederlande hätte für die gleiche Aktion Gelb gesehen. Vielleicht Rot. Messi sah nichts. Quelle: ClutchPoints (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Wenn der Schiedsrichter Messi nicht einmal verwarnt, weil es Messi ist, dann ist die Frage nicht, ob es ein Foul war. Die Frage ist, ob es Regeln gibt, die für alle gelten.
Argentinien gewann das Spiel im Elfmeterschießen. Messi erzielte einen Treffer im Shootout. Ohne die Handspiel-Szene wäre das Spiel vielleicht anders verlaufen. Ohne das Spiel wäre der WM-Titel vielleicht anders verlaufen. Die Hand blieb ungeahndet. Wie 2007. Wie 1986.
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2026: Algerien – Die Hand, die zum Tritt wurde
Die WM 2026 bot keine neue Handspiel-Szene. Sie bot etwas, das das gleiche Muster offenbarte: einen Akteur, der die Regeln bricht, und eine Instanz, die nicht eingreift, weil es Messi ist.
Am 16. Juni 2026, im ersten Gruppenspiel Argentiniens gegen Algerien, passiert in der 32. Minute Folgendes: Messi verliert den Ball im Zweikampf gegen Aïssa Mandi. Er setzt nach, hebt den Fuß und trifft Mandi mit den Stollen am rechten Wadenknöchel. Mandi geht zu Boden. Der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak pfeift den Fehler. Er zeigt keine Karte. Nicht Gelb. Nicht Rot. VAR greift nicht ein. Messi wirft die Arme in die Luft, als wäre nichts geschehen. Quelle: SB Nation – Messi red card no call (externer Link, öffnet in neuem Tab). Quelle: Outlook India – Messi special treatment (externer Link, öffnet in neuem Tab).
ESPN-Analyst Ale Moreno sagte unmissverständlich: «Das ist zu hundert Prozent eine rote Karte für Lionel Messi. Hätte sein müssen.» Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich sagte: «Für mich ist das eine rote Karte. Wenn ich das auf dem Platz so gesehen hätte, hätte ich Rot gezeigt. Und wenn der Schiri Rot gezeigt hätte, wäre es definitiv nicht aufgehoben worden.» Die algerische Fußballvereinigung reichte eine offizielle Beschwerde bei der FIFA ein. Sie argumentierte, der Fehler habe eine rote Karte verdient, «in jedermanns Meinung». Es gab zwei weitere Ellbogen-Vorfälle, die ebenfalls eine Sperre gerechtfertigt hätten. Quelle: SB Nation (externer Link, öffnet in neuem Tab). Quelle: Outlook India (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Die FIFA reagierte. Sie gab später zu, dass die VAR-Offiziellen den Fehler gemacht hatten. Sie sanktionierte die VAR-Offiziellen. Aber Messi blieb unbehelligt. Keine Sperre. Keine nachträgliche Karte. Er spielte im nächsten Spiel gegen Österreich. Und erzielte ein Tor. Quelle: talkSPORT – FIFA pro-Argentina bias (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Die Parallelität ist frappierend. 1986: Maradona trifft mit der Hand, der Schiri sieht es nicht, Argentinien wird Weltmeister. 2007: Messi trifft mit der Hand, der Schiri sieht es nicht, das Tor zählt. 2022: Messi greift mit der Hand ins Spiel, der Schiri sieht es nicht, Argentinien wird Weltmeister. 2026: Messi tritt mit den Stollen auf den Gegner, der Schiri sieht es nicht, Argentinien zieht ins Viertelfinale ein. Die Aktion ändert sich. Das Muster nicht.
Die Hand Gottes ist nicht verschwunden. Sie hat sich nur verwandelt. Vom Handspiel zum unbestraften Foul. Vom Mythos zur Methode.
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Der Vergleich: Was passiert, wenn andere es tun
Um zu verstehen, was hier geschieht, muss man sich ansehen, was mit anderen Spielern passiert, die das Gleiche tun. Folarin Balogun, US-Stürmer, trat im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina dem bosnischen Verteidiger Tarik Muharemovic auf den Knöchel. Eine ähnliche Aktion wie Messi gegen Mandi. Der Schiedsrichter zeigte nach VAR-Überprüfung Rot. Balogun wurde gesperrt. Dann rief Donald Trump an und die FIFA hob die Sperre auf. Aber die anfängliche Entscheidung war eindeutig: Rot. Quelle: TNT Sports – Messi vs Balogun red card debate (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Pundit Jobi McAnuff sagte direkt: «Messis war eher eine rote Karte als die von Balogun, ganz sicher.» Die ehemalige FIFA-Schiedsrichterin Christina Unkel argumentierte, dass weder Messi noch Balogun Rot hätten sehen sollen. Aber die Tatsache bleibt: Balogun sah Rot. Messi sah nichts. Die gleiche Aktion. Zwei verschiedene Spieler. Zwei verschiedene Konsequenzen. Quelle: TNT Sports (externer Link, öffnet in neuem Tab).
Thierry Henry sagte es 2007 schon. Die gleichen Leute, die Messi für sein Handspiel feierten, verurteilten Henry für seins. Die gleichen Regeln, die Messi nicht einholten, holten Balogun ein. Die gleichen VAR-Offiziellen, die Messi nicht sanktionierten, sanktionierten Tatiana Guzmán für Fehler in anderen Spielen. Die Frage ist nicht, ob die Aktion foul war. Die Frage ist, wer sie begangen hat.
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Die Dynastie
Die Hand Gottes ist nicht ein einzelner Vorfall. Sie ist eine Dynastie, die von Maradona zu Messi reicht. Und die Dynastie funktioniert, weil sie nicht hinterfragt wird. Die FIFA sanktionierte die VAR-Offiziellen, die Messis Tritt gegen Algerien nicht ahndeten. Aber sie sanktionierte nicht Messi. Sie sanktionierte die Werkzeuge, nicht den Akteur. Sie sanktionierte das System, nicht den Nutznießer. Das ist, als würde man dem Fahrer eines Fluchtwagens den Führerschein entziehen, aber den Räuber laufen lassen.
Die Timeline spricht für sich. 1986: Hand, kein Pfiff, Weltmeister. 2007: Hand, kein Pfiff, Tor zählt. 2022: Hand, kein Pfiff, Weltmeister. 2026: Tritt, kein Pfiff, Viertelfinale. Vier Vorfälle über vierzig Jahre. Alle ungeahndet. Alle zugunsten Argentiniens. Alle zugunsten Messis. Die Wahrscheinlichkeit, dass vier solcher Vorfälle zufällig alle den gleichen Spieler und die gleiche Nation begünstigen, ist gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein System funktioniert, das bestimmte Spieler schützt, ist höher.
Die Hand Gottes stirbt nicht. Sie wechselt den Träger. Und jedes Mal, wenn sie wechselt, fragt niemand, warum sie nie bestraft wird.
Weiterführend: Die Argentinien-Privilegien und der Messi-Bias dokumentiert fünf weitere Vorfälle bei dieser WM. Der Überblick über das Muster zeigt alle sieben Skandale der WM 2026. Van Gaal und die «premeditated» WM ergänzt die Timeline um die Aussage eines der erfahrensten Trainer der Welt. Die FIFA-Skandalchronik liefert den institutionellen Kontext.
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Sigma
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Wenn Messi 2007 mit der Hand trifft, 2022 mit der Hand ins Spiel greift und 2026 ohne Karte bleibt – ab wann ist es ein Muster?
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