Zurück zum Blog

Geopolitik11. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit

Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?

Der Historiker, der das jüdische Volk abschaffte

shlomo sandjüdisches volkzionismuskhazarenisraelgeschichtehistoriografieidentität
Photo de Shlomo Sand prise le 12 juillet 2014 à Nice

Du hast das Narrativ gehört. Ein Volk, 4.000 Jahre alt, aus dem Land Israel vertrieben, 2.000 Jahre im Exil, zurückgekehrt in die Heimat. Das ist die Gründungsstory des modernen Israel. Sie steht in Schulbüchern, in UN-Reden, in israelischen Grundrechtstexten.

01 / 07

Die Person: Wer ist Shlomo Sand?

Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?, Kontextbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Geopolitik

Basisdaten

Shlomo Sand wurde am 10. September 1946 in Linz, Österreich, in einem DP-Lager (Displaced Persons Camp) für Holocaust-Überlebende geboren. Quelle: Jewish Review of Books (externer Link, öffnet in neuem Tab). Im Alter von zwei Jahren wanderte er 1948 mit seinen Eltern nach Israel aus. Heute ist er Historiker und Professor emeritus an der Tel Aviv University, Fakultät für Geschichte.

Sein akademischer Werdegang war unkonventionell. Er wurde von der Highschool verwiesen und holte das Bagrut, das israelische Abitur, erst nach seinem Militärdienst nach. Er studierte Geschichte und Europawissenschaften und promovierte in Frankreich. Seine akademischen Schwerpunkte lagen ursprünglich in europäischer Geschichte, Filmgeschichte und französischer Intellektuellengeschichte, nicht in antiker jüdischer Geschichte. Das wird für die Kritik an seinem späteren Werk relevant.

Politisch verortet sich Sand als ehemaliges Mitglied der israelischen Kommunistischen Jugend (Banki), später der Maki, der Kommunistischen Partei Israels. Er bezeichnet sich selbst als „post-zionistisch": Er akzeptiert Israel als Staat, lehnt aber die zionistische Ideologie ab, die ihn als ethnischen Nationalstaat definiert. Quelle: Sand, *The Invention of the Jewish People*, S. 22; L'Humanité, Interview mit Shlomo Sand (2024) (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Die Trilogie

Sand hat drei Bücher geschrieben, die als Trilogie verstanden werden. Das erste, „The Invention of the Jewish People" (2008/2009), ist sein Hauptwerk. Die These: Es gibt kein jüdisches Volk im ethnischen Sinne. Judentum war eine proselytisierende Religion, und die meisten heutigen Juden stammen von Konvertiten ab, nicht von antiken Israeliten.

Das zweite Buch, „The Invention of the Land of Israel" (2012), ist die Fortsetzung. Auch das „Land Israel" als nationale Heimat sei eine moderne Erfindung, kein historisches Kontinuum. Der zionistische Begriff „Eretz Israel" sei ein politisches Konstrukt des 19. und 20. Jahrhunderts.

Das dritte Buch, „How I Stopped Being a Jew" (2013), ist die persönliche Konsequenz. Sand tritt aus dem Judentum aus, nicht aus der Religion, denn er war schon säkular. Er tritt aus der ethnischen Kategorie aus. Er weigert sich, als Teil eines „jüdischen Volkes" zu gelten, dessen Existenz er historisch bestreitet.

Quelle für die Trilogie: Goodreads: Shlomo Sand (externer Link, öffnet in neuem Tab), Mosaic Magazine (externer Link, öffnet in neuem Tab).

02 / 07

Die Ausgangsthese in einem Satz

Sands Kernthese

Es gibt kein jüdisches Volk. Es gab nie eines. Was es gab, war eine Religion, das Judentum, die wie Christentum und Islam aktiv proselytisierte und durch Massenkonversionen wuchs. Die Idee einer ethnischen, gemeinsamer Abstammung entstammenden jüdischen Nation ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, konstruiert von jüdischen Intellektuellen in Deutschland unter dem Einfluss des deutschen Volksnationalismus.

Sand formuliert es so:

„The present work, which proposes that the Jews have always comprised significant religious communities that appeared and settled in various parts of the world, rather than an ethnos that shared a single origin and wandered in a permanent exile, does not deal directly with history. Given that its main purpose is to criticize a widespread historiographic discourse, it cannot avoid suggesting alternative narratives."

Quelle: Sand, *The Invention of the Jewish People*, S. 22. Zitiert via Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).

03 / 07

Was Sand nicht ist

Um Missverständnisse zu vermeiden, muss man klären, was Sand nicht ist. Sand ist kein Holocaustleugner, denn er wurde in einem DP-Lager für Holocaust-Überlebende geboren und seine Eltern waren Überlebende. Er bestreitet weder den Holocaust noch die Verfolgung noch die Shoa.

Sand ist auch kein Antisemit. Er ist israelischer Staatsbürger, lebt in Tel Aviv und lehrte an einer israelischen Universität. Seine Kritik richtet sich gegen die politische Instrumentalisierung ethnischer Identität, nicht gegen jüdische Menschen. Und er ist kein Außenseiter der akademischen Welt, sondern Professor an der Tel Aviv University, dessen Buch in Israel zum Bestseller wurde und den Aujourd'hui Award in Frankreich gewann, eine Auszeichnung für politisch-historische Literatur.

Schließlich ist Sand nicht der Erste mit dieser Art von These. Arthur Koestler veröffentlichte bereits 1976 „The Thirteenth Tribe" mit einer ähnlichen Khazar-These, und Sand selbst verweist auf solche Vorläufer. Was Sand neu tut, ist, die Khazar-These mit einer umfassenden Kritik der jüdischen Historiografie zu verbinden und nachzuweisen, dass das Exil-Narrativ historisch nicht haltbar ist.

Quelle: Jewish Review of Books: Shifting Sands (externer Link, öffnet in neuem Tab), Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab).

04 / 07

Das politische Anliegen

Sand hat nie behauptet, sein Buch sei reine Geschichtswissenschaft. Er sagte in einem Interview:

„I wrote the book for a double purpose. First, as an Israeli, to democratise the state; to make it a real republic. Second, I wrote the book against Jewish essentialism."

Unter „jüdischem Essentialismus" versteht Sand die Tendenz, ethnische Zugehörigkeit zur Grundlage jüdischer Identität zu machen. Das sei gefährlich und nähre Antisemitismus. Er will das Judentum „normalisieren", als Religion unter Religionen, nicht als Volk unter Völkern.

Quelle: Sand, *The Invention of the Jewish People*, Nachwort zur Taschenbuchausgabe; Mediapart: Interview mit Shlomo Sand (2008) (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Sands Buch hat eine politische Agenda. Er will Israel von einem ethnischen Nationalstaat zu einem Bürgerstaat umgestalten, einem Staat aller seiner Bürger, unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Das ist eine legitime politische Position. Aber es bedeutet auch, dass seine historischen Argumente mit politischem Antrieb vorgetragen werden, was es umso nötiger macht, sie besonders sorgfältig zu prüfen.

05 / 07

Die Reaktion: Bestseller und Skandal

Das Buch löste in Israel eine Debatte aus, die über die akademische Welt hinausging. In Israel wurde das Buch zum Bestseller. Sand wurde zu Talkshows eingeladen und diskutierte mit Historikerkollegen im Fernsehen. In Frankreich erhielt er den Literaturpreis Aujourd'hui Award 2009, während er auf Sabbatical in Paris war.

In den USA war die Reaktion gemischt. Die *New York Times* berichtete, dass genetische Studien Sands These widerlegten. *Newsweek* schrieb, das Buch habe die Khazar-Debatte „wiederbelebt". In der akademischen Welt fiel die Kritik scharf aus. Israel Bartal, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Hebrew University, nannte das Werk „bizarre and incoherent". Anita Shapira warf Sand vor, politische Bedürfnisse über historische Sorgfalt zu stellen. Shaul Stampfer sagte, die Massenkonversion der Khazaren habe „nie stattgefunden".

Im Ausland gingen die Reaktionen so weit, dass einige Diaspora-Spender der Tel Aviv University Sands Entlassung forderten. Sand blieb.

Quellen: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab), Mosaic Magazine (2018) (externer Link, öffnet in neuem Tab).

06 / 07

Was dich in dieser Reihe erwartet

TeilTitelFrage
1Wer ist Shlomo Sand?Wer steht hinter dieser These?
2Die Erfindung des jüdischen VolkesWas genau behauptet Sand?
3Die Khazar-TheseSind aschkenasische Juden Turkvolk-Nachfahren?
4Kein Exil, keine RückkehrGab es keine Vertreibung durch Rom?
5Genetik vs. SandWas sagen DNA-Studien?
6Sand und das BuchWas bedeutet das für EXODUS?
7Der Fluch von KanaanAuf welcher biblischen Grundlage ruht der Landanspruch?

Wenn du die Mechaniken der Narrativ-Konstruktion durchschauen willst, nicht nur bei Israel, sondern bei jedem Nationalstaat, dann ist Sands Arbeit ein Lehrstück. Ob er recht hat oder nicht: Die Frage, wie Identität konstruiert wird, ist die Frage, wie Macht legitimiert wird.

Weiter zu Teil 2: Die Erfindung des jüdischen Volkes.

Wenn du tiefer in die im Buch dokumentierten historischen Kontexte einsteigen willst: EXODUS vergleichen | Leseprobe lesen.

Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?, Abschlussbild
Bildquelle: Wikimedia Commons, Geopolitik

07 / 07

Quellen

Als Primärquelle dient Sand, Shlomo: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009). Ergänzt wird die Trilogie durch *The Invention of the Land of Israel* (Verso, 2012) und *How I Stopped Being a Jew* (Verso, 2013).

Interviews und Artikel: L'Humanité (2024) mit Shlomo Sand: « Sans les Palestiniens, Israël ne peut pas vivre » (externer Link, öffnet in neuem Tab) sowie Mediapart (2008) mit Entretien avec l'historien israélien Shlomo Sand (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Sekundärliteratur und Übersichten: Wikipedia: The Invention of the Jewish People (externer Link, öffnet in neuem Tab), Jewish Review of Books: Shifting Sands (externer Link, öffnet in neuem Tab), Mosaic Magazine (2018): The Return of Shlomo Sand (externer Link, öffnet in neuem Tab) sowie Goodreads: Shlomo Sand, Author profile (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Vertiefung in der Chronik

Zitat-DatenbankPersonen-Profile
Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

Shlomo Sand 6: Sand und das Buch – Fazit

Sechs Teile, eine Frage: Hat Shlomo Sand recht? Wir ziehen das Fazit, verbinden die Analyse mit dem Buch (EXODUS Kapitel 20b) und trennen, was Sand beweist, was er überdehnt und was er politisch instrumentalisiert. Das Ergebnis ist keine Verteidigung und keine Abrechnung – sondern ein Urteil.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Bookwheel (Roue à livres)
Geopolitik12 Min.

Shlomo Sand 6: Sand und das Buch – Fazit

Was Sands Analyse für EXODUS bedeutet – und für dich

Lesen
Shlomo Sand
Geopolitik14 Min.

Shlomo Sand 2: Die Erfindung des jüdischen Volkes

Religion, nicht Ethnos – Sands Hauptthese aufgeschlüsselt

Lesen
Boat passing United Nations Headquarters and surrounds, seen from the East River
Geopolitik30 Min.

Shlomo Sand 3: Die Khazar-These – Turkvolk, Konversion, Aschkenasim

Stammen aschkenasische Juden von einem Turkvolk ab?

Lesen
United Nations 1971 Postage Stamp - UN Headquarters Complex
Geopolitik13 Min.

Shlomo Sand 4: Kein Exil, keine Rückkehr

Sands Kritik des zionistischen Gründungsnarrativs

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn ein israelischer Historiker an der Tel Aviv University die Existenz eines jüdischen Volkes bestreitet – ist das Wissenschaft, Politik oder beides?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic