Geopolitik11. Juli 2026ca. 12 Min. Lesezeit
Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?
Der Historiker, der das jüdische Volk abschaffte
Du hast das Narrativ gehört. Ein Volk, 4.000 Jahre alt, aus dem Land Israel vertrieben, 2.000 Jahre im Exil, zurückgekehrt in die Heimat. Das ist die Gründungsstory des modernen Israel. Sie steht in Schulbüchern, in UN-Reden, in israelischen Grundrechtstexten.
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Die Person: Wer ist Shlomo Sand?
Basisdaten
- Geboren: 10. September 1946 in Linz, Österreich – in einem DP-Lager (Displaced Persons Camp) für Holocaust-Überlebende. Quelle: Jewish Review of Books.
- Einwanderung nach Israel: 1948, im Alter von zwei Jahren, mit seinen Eltern.
- Beruf: Historiker, Professor emeritus an der Tel Aviv University, Fakultät für Geschichte.
- Akademischer Werdegang: Von der Highschool verwiesen, Bagrut (israelisches Abitur) erst nach Militärdienst nachgeholt. Studium der Geschichte und Europawissenschaften. Promotion in Frankreich. Seine akademischen Schwerpunkte lagen ursprünglich in europäischer Geschichte, Filmgeschichte und französischer Intellektuellengeschichte – nicht in antiker jüdischer Geschichte. Das wird für die Kritik relevant.
- Politische Verortung: Ehemals Mitglied der israelischen Kommunistischen Jugend (Banki), später Maki (Kommunistische Partei Israels). Sand bezeichnet sich selbst als „post-zionistisch" – er akzeptiert Israel als Staat, lehnt aber die zionistische Ideologie ab, die ihn als ethnischen Nationalstaat definiert. Quelle: The Guardian.
Die Trilogie
Sand hat drei Bücher geschrieben, die als Trilogie verstanden werden:
- „The Invention of the Jewish People" (2008/2009) – Das Hauptwerk. These: Es gibt kein jüdisches Volk im ethnischen Sinne. Judentum war eine proselytisierende Religion. Die meisten heutigen Juden stammen von Konvertiten ab, nicht von antiken Israeliten.
- „The Invention of the Land of Israel" (2012) – Die Fortsetzung. These: Auch das „Land Israel" als nationale Heimat ist eine moderne Erfindung, kein historisches Kontinuum. Der zionistische Begriff „Eretz Israel" ist ein politisches Konstrukt des 19./20. Jahrhunderts.
- „How I Stopped Being a Jew" (2013) – Die persönliche Konsequenz. Sand tritt aus dem Judentum aus – nicht aus der Religion (er war schon säkular), sondern aus der ethnischen Kategorie. Er weigert sich, als Teil eines „jüdischen Volkes" zu gelten, dessen Existenz er historisch bestreitet.
Quelle für die Trilogie: Goodreads – Shlomo Sand, Mosaic Magazine.
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Die Ausgangsthese in einem Satz
Es gibt kein jüdisches Volk. Es gab nie eines. Was es gab, war eine Religion – das Judentum – die wie Christentum und Islam aktiv proselytisierte und durch Massenkonversionen wuchs. Die Idee einer ethnischen, gemeinsamer Abstammung entstammenden jüdischen Nation ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, konstruiert von jüdischen Intellektuellen in Deutschland unter dem Einfluss des deutschen Volksnationalismus.
Sand formuliert es so:
„The present work, which proposes that the Jews have always comprised significant religious communities that appeared and settled in various parts of the world, rather than an ethnos that shared a single origin and wandered in a permanent exile, does not deal directly with history. Given that its main purpose is to criticize a widespread historiographic discourse, it cannot avoid suggesting alternative narratives."
Quelle: Sand, *The Invention of the Jewish People*, S. 22. Zitiert via Wikipedia.
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Was Sand nicht ist
Um Missverständnisse zu vermeiden:
- Sand ist kein Holocaustleugner. Er wurde in einem DP-Lager für Holocaust-Überlebende geboren. Seine Eltern waren Überlebende. Er bestreitet nicht den Holocaust, nicht die Verfolgung, nicht die Shoa.
- Sand ist kein Antisemit. Er ist israelischer Staatsbürger, lebt in Tel Aviv, lehrte an einer israelischen Universität. Seine Kritik richtet sich gegen die politische Instrumentalisierung ethnischer Identität, nicht gegen jüdische Menschen.
- Sand ist kein Außenseiter der akademischen Welt. Er ist Professor an der Tel Aviv University. Sein Buch wurde in Israel zum Bestseller. Es gewann den Aujourd'hui Award in Frankreich, eine Auszeichnung für politisch-historische Literatur.
- Sand ist nicht der Erste. Arthur Koestler veröffentlichte 1976 *„The Thirteenth Tribe"* mit einer ähnlichen Khazar-These. Sand selbst verweist auf Vorläufer. Was Sand neu tut: Er verbindet die Khazar-These mit einer umfassenden Kritik der jüdischen Historiografie und dem Nachweis, dass das Exil-Narrativ historisch nicht haltbar ist.
Quelle: The Guardian, Wikipedia.
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Das politische Anliegen
Sand hat nie behauptet, sein Buch sei reine Geschichtswissenschaft. Er sagte in einem Interview:
„I wrote the book for a double purpose. First, as an Israeli, to democratise the state; to make it a real republic. Second, I wrote the book against Jewish essentialism."
Unter „jüdischem Essentialismus" versteht Sand die Tendenz, ethnische Zugehörigkeit zur Grundlage jüdischer Identität zu machen. Das sei gefährlich und nähre Antisemitismus. Er will das Judentum „normalisieren" – als Religion unter Religionen, nicht als Volk unter Völkern.
Quelle: The Guardian.
Das bedeutet: Sands Buch hat eine politische Agenda. Er will Israel von einem ethnischen Nationalstaat zu einem Bürgerstaat umgestalten – einem Staat aller seiner Bürger, unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Das ist eine legitime politische Position. Aber es bedeutet auch, dass seine historischen Argumente mit politischem Antrieb vorgetragen werden. Das macht sie nicht falsch – aber es macht es nötig, sie besonders sorgfältig zu prüfen.
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Die Reaktion: Bestseller und Skandal
Das Buch löste in Israel eine Debatte aus, die über die akademische Welt hinausging:
- In Israel: Bestseller. Sand wurde zu Talkshows eingeladen, diskutierte mit Historikerkollegen im Fernsehen.
- In Frankreich: Literaturpreis (Aujourd'hui Award 2009). Sand war auf Sabbatical in Paris.
- In den USA: Gemischte Reaktion. Die *New York Times* berichtete, dass genetische Studien Sands These widerlegten. *Newsweek* schrieb, das Buch habe die Khazar-Debatte „wiederbelebt".
- In der akademischen Welt: Scharfe Kritik. Israel Bartal, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Hebrew University, nannte das Werk „bizarre and incoherent". Anita Shapira warf Sand vor, politische Bedürfnisse über historische Sorgfalt zu stellen. Shaul Stampfer sagte, die Massenkonversion der Khazaren habe „nie stattgefunden".
- Im Ausland: Einige Diaspora-Spender der Tel Aviv University forderten Sands Entlassung. Sand blieb.
Quellen: Wikipedia, The Guardian.
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Was dich in dieser Reihe erwartet
| Teil | Titel | Frage | |---|---|---| | 1 | Wer ist Shlomo Sand? | Wer steht hinter dieser These? | | 2 | Die Erfindung des jüdischen Volkes | Was genau behauptet Sand? | | 3 | Die Khazar-These | Sind aschkenasische Juden Turkvolk-Nachfahren? | | 4 | Kein Exil, keine Rückkehr | Gab es keine Vertreibung durch Rom? | | 5 | Genetik vs. Sand | Was sagen DNA-Studien? | | 6 | Sand und das Buch | Was bedeutet das für EXODUS? | | 7 | Der Fluch von Kanaan | Auf welcher biblischen Grundlage ruht der Landanspruch? |
Wenn du die Mechaniken der Narrativ-Konstruktion durchschauen willst – nicht nur bei Israel, sondern bei jedem Nationalstaat – dann ist Sands Arbeit ein Lehrstück. Ob er recht hat oder nicht: Die Frage, wie Identität konstruiert wird, ist die Frage, wie Macht legitimiert wird.
Weiter zu Teil 2: Die Erfindung des jüdischen Volkes.
Wenn du tiefer in die im Buch dokumentierten historischen Kontexte einsteigen willst: EXODUS vergleichen | Leseprobe lesen.
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Quellen
- Sand, Shlomo: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009)
- The Guardian (2010): Shlomo Sand: an enemy of the Jewish people?
- The Guardian (2010): Book review – The Invention of the Jewish People
- Wikipedia: The Invention of the Jewish People
- Jewish Review of Books: Shifting Sands
- Mosaic Magazine (2018): The Return of Shlomo Sand
- Goodreads: Shlomo Sand – Author profile
Sigma
Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.
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