Zurück zum Blog

Geopolitik11. Juli 2026ca. 16 Min. Lesezeit

Shlomo Sand 3: Die Khazar-These – Turkvolk, Konversion, Aschkenasim

Stammen aschkenasische Juden von einem Turkvolk ab?

shlomo sandkhazarenaschkenasimkonversionkoestlerturkvolkjudentumisrael

In Teil 2 haben wir Sands vier Säulen gesehen. Jetzt gehen wir tief in die wichtigste und umstrittenste: die Khazar-These. Sie ist das Herzstück von Sands Argument – und sie ist die These, die am meisten Widerstand erzeugt.

01 / 08

Was historisch gesichert ist

Bevor wir in die Spekulation gehen, legen wir fest, was unbestritten ist:

  1. Das Khazarische Khaganat existierte. Zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert existierte zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer ein turkisches Reich. Es war eine Großmacht, kontrollierte die nördliche Seidenstraße und die Handelswege zwischen Europa und Asien. Hauptstadt: Itil an der Wolga.
  1. Teile der Elite konvertierten zum Judentum. Unter König Bulan (~740 n.Chr.) nahmen Teile der khazarischen Führungsschicht die jüdische Religion an. Das ist dokumentiert durch mehrere unabhängige Quellen:
  • Die Khazar-Korrespondenz: hebräischer Briefwechsel zwischen König Joseph und dem Gelehrten Hasdai ibn Shaprut am Hof von Córdoba (ca. 960 n.Chr.)
  • Arabische Chronisten: al-Masudi und Ibn Hawqal (10. Jh.)
  • Der byzantinische Gelehrte Constantine Porphyrogennetos
  • Judah Halevi im philosophischen Dialog *„Kuzari"* (ca. 1140 n.Chr.)
  1. Die Konversion hatte eine strategische Logik. Als Reich zwischen dem christlichen Byzanz und dem muslimischen Kalifat bot das Judentum diplomatische Neutralität. Weder christlich noch muslimisch zu sein, bedeutete, sich keinem der beiden Großmächte unterordnen zu müssen.
  1. Das Reich fiel 965 n.Chr. Der Kiewer Fürst Sviatoslav I. zerstörte Itil und besiegte das Khaganat. Die Bevölkerung zerstreute sich – nach Westen in slawische Gebiete, nach Süden in den Kaukasus, in alle Himmelsrichtungen.
  1. Nach 965 beginnt eine 400-jährige Dokumentationslücke. Zwischen dem Untergang des Khazar-Reichs und der systematischen Erwähnung aschkenasischer Gemeinden im 14. Jahrhundert liegen fast 400 Jahre, in denen die Quellen schweigen. Die Mongolenkatastrophe (1240) zerstörte die meisten städtischen Zentren und Archive der Region.

Quellen: Wikipedia – The Invention of the Jewish People, Electronic Intifada.

02 / 08

Was umstritten ist: Die Abstammungsfrage

Hier beginnt die Debatte. Die gesicherte Konversion der khazarischen Elite ist eine Sache. Die Behauptung, dass ein bedeutender Teil der aschkenasischen Juden von diesen Khazaren abstammt, ist eine andere.

Koestlers These (1976)

Arthur Koestler, ein ungarisch-britischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, veröffentlichte 1976 *„The Thirteenth Tribe"*. Seine These: Die aschkenasischen Juden seien überwiegend khazarischer Abstammung, nicht nahöstlich. Koestlers Motivation war politisch: Er wollte den Antisemitismus untergraben, indem er die ethnische Grundlage jüdischer Identität auflöste. Wenn Juden kein „Volk" im ethnischen Sinne waren, verlor der Rassenantisemitismus seine Grundlage.

Koestlers Buch wurde kontrovers aufgenommen. Mainstream-Historiker lehnten es ab. Genetische Studien der folgenden Jahrzehnte schienen es zu widerlegen. Aber es verschwand nicht – es wurde zum Bezugspunkt für alle folgenden Debatten.

Quelle: The Guardian.

Sands Version (2008)

Sand nimmt Koestlers These auf, aber er modifiziert sie. Sand sagt nicht, dass alle aschkenasischen Juden khazarischer Abstammung sind. Er sagt, dass ein bedeutender Teil seiner Meinung nach von der khazarischen Konversion stammt – und dass dies, zusammen mit anderen Konversionen (Berber, Himyariten), die These stützt, dass die jüdische Diaspora primär durch Konversion, nicht durch Vertreibung entstand.

Sand formuliert vorsichtiger als Koestler. Er räumt ein, dass die genaue Demografie der osteuropäischen Juden im 13. Jahrhundert nicht bekannt ist – und dass dies eine Grenze seiner These ist. Quelle: Wikipedia.

Die Gegenposition: Shaul Stampfer

Der Historiker Shaul Stampfer veröffentlichte 2013 eine Studie, in der er zu dem Schluss kam: Die Massenkonversion der Khazaren habe nie stattgefunden. Er analysierte die Quellen neu und argumentierte, dass die Berichte über eine khazarische Konversion auf Missverständnissen, Übertreibungen und literarischen Konventionen beruhen. Stampfer nennt die Konversionsstory „a splendid story" – aber eben eine Story, keine Geschichte.

Quelle: Wikipedia.

Das Problem mit Stampfer: Wenn die Konversion nie stattfand, wie erklärt man dann die Khazar-Korrespondenz, al-Masudi, Ibn Hawqal, Constantine Porphyrogennetos und Judah Halevi? Fünf unabhängige Quellen aus unterschiedlichen Traditionen (hebräisch, arabisch, byzantinisch, jüdisch-philosophisch) berichten von der Konversion. Stampfers These wird in der Forschung als Minderheitsposition bewertet.

03 / 08

Das Geschichtsloch: 965–1340

Das zentrale Argument für die Khazar-Abstammungsthese ist die demografische Lücke. Nach dem Fall Itils (965) verschwinden die Khazaren aus den Quellen. Ab dem 14. Jahrhundert erscheinen aschkenasische Gemeinden in Polen-Litauen in großen Zahlen. Was geschah dazwischen?

Sand argumentiert: Die khazarische Bevölkerung verschwand nicht. Sie wurde in den jüdischen Gemeinden Osteuropas assimiliert. Die 400-jährige Lücke erklärt sich durch:

  • Quellenverlust: Die Mongolen (1240) zerstörten Archive und städtische Zentren
  • Keine jüdische Hofchronik: Unter mongolischer und litauischer Herrschaft gab es keine zentralen Aufzeichnungen
  • Landbesitzverbot: Jüdische Gemeinden waren städtisch, weniger dokumentiert als ländliche Bevölkerungen

Sand formuliert es so: Wo 400 Jahre keine Chroniken existieren, bleibt die Logik des Landverbunds. Die khazarische Bevölkerung wurde Teil der lokalen Bevölkerung – verschrieben, assimiliert, aber nicht ausgelöscht.

Menschen verschwinden nicht. Bevölkerungen bleiben auf ihrem Land, an ihren Handelsrouten. Die khazarische Bevölkerung wurde nicht ausgelöscht – sie wurde assimiliert. Die Frage ist, in welche Gemeinschaften.

Die Lücke ist real, aber sie erlaubt keine positiven Aussagen. Dass etwas nicht dokumentiert ist, bedeutet nicht, dass es passiert ist. Es bedeutet nur, dass wir es nicht wissen. Sand nutzt die Lücke als Argumentationsraum – historisch legitim, aber keine Beweisführung.

04 / 08

Die Netanyahu-Verbindung

Ein konkretes Beispiel: Benjamin Netanyahu.

  • Originaler Familienname: Mileikowsky (russisch/polnisch)
  • Herkunft: Warschau, Polen
  • Vater Benzion Mileikowsky: Geboren 1910 in Warschau; Historiker und revisionistischer Zionist
  • Einwanderung: 1920, Familie zieht ins britische Mandatsgebiet Palästina
  • Namensänderung: Mileikowsky → Netanyahu (hebräisch: „Gott hat gegeben")

Die Netanyahus sind aschkenasische Juden polnischer Herkunft. Ihr Name stammt aus der Region, die einst Teil des Khazar-Reiches war – aber auch Jahrhunderte später von slawischen, litauischen, polnischen und russischen Herrschern kontrolliert wurde. Die Familie repräsentiert die osteuropäische jüdische Migration des 19./20. Jahrhunderts, nicht notwendigerweise eine direkte khazarische Abstammungslinie.

Das ist der entscheidende Unterschied: Die Region war khazarisch – aber sie war danach auch kiewerisch, mongolisch, litauisch, polnisch, russisch. Eine jüdische Familie aus Warschau kann khazarische Vorfahren haben – oder nicht. Die regionale Herkunft allein beweist keine Abstammung.

05 / 08

Was die Khazar-These NICHT besagt

Um Fehlinterpretationen vorzubeugen:

  1. Sie besagt nicht, dass aschkenasische Juden „keine echten Juden" sind. Wenn Judentum eine Religion ist, dann ist ein konvertierter Khazar genauso jüdisch wie ein nachgeborener Israelit. Die Frage ist nicht Religionszugehörigkeit, sondern ethnische Abstammung – und ob diese für den zionistischen Anspruch relevant ist.
  1. Sie besagt nicht, dass alle aschkenasischen Juden khazarischer Herkunft sind. Weder Koestler noch Sand behaupten das. Sand spricht von einem „bedeutenden Teil" – das kann 30 %, 50 % oder 70 % sein. Die genaue Zahl ist nicht bekannt.
  1. Sie besagt nicht, dass der Holocaust nicht stattfand. Koestler schrieb sein Buch, um Antisemitismus zu untergraben. Sand ist Sohn von Holocaust-Überlebenden. Die Khazar-These hat nichts mit Holocaust-Leugnung zu tun.
  1. Sie besagt nicht, dass Israel kein Existenzrecht hat. Sand sagt ausdrücklich, er akzeptiere Israel als Staat. Er streitet nicht die Existenz, sondern die Begründung – ethnische Abstammung als Legitimation für Landanspruch.

06 / 08

Die politische Sprengkraft

Warum löst die Khazar-These so viel mehr Widerstand aus als andere historische Debatten?

Weil sie das zionistische Gründungsnarrativ direkt trifft. Wenn die meisten aschkenasischen Juden nicht von antiken Israeliten abstammen, dann ist die Formel „Rückkehr in die angestammte Heimat" historisch ungenau. Die Legitimation verschiebt sich von Abstammung auf Religion oder politische Notwendigkeit – und das ist ein anderer Diskurs.

Sand selbst sagt: Die Khazar-These sei nach 1967 aus israelischen Geschichtsbüchern verschwunden. Vorher sei sie als numerisch unbedeutende Kuriosität anerkannt gewesen. Nach dem Sechstagekrieg und der Besetzung arabischer Gebiete sei sie getilgt worden – weil sie den territorialen Anspruch untergrub.

Quelle: The Guardian.

Das ist eine starke Behauptung. Sand liefert dafür keine direkten Beweise – er zeigt aber, dass die Khazar-Konversion in israelischen Schulbüchern vor 1967 erwähnt wurde und danach nicht mehr. Das ist ein Indiz, kein Beweis.

07 / 08

Zusammenfassung

| Aussage | Status | |---|---| | Khazar-Reich existierte | gesichert | | Elite konvertierte zum Judentum | gesichert (5 unabhängige Quellen) | | Konversion war strategisch motiviert | plausibel | | Reich fiel 965, Bevölkerung zerstreute sich | gesichert | | 400-jährige Dokumentationslücke | gesichert | | Khazaren gingen in osteuropäische jüdische Gemeinden auf | plausibel, aber nicht bewiesen | | Ein bedeutender Teil der Aschkenasim stammt von Khazaren ab | umstritten – Sand/Koestler dafür, Genetik teilweise dagegen | | Alle Aschkenasim sind khazarischer Herkunft | nicht behauptet (weder von Sand noch Koestler) | | Khazar-These = antisemitisch | falsch – Koestler war jüdisch, Sand ist israelischer Professor | | Konversion fand nie statt (Stampfer) | Minderheitsposition |

Die Khazar-These ist nicht bewiesen und nicht widerlegt. Sie ist eine historisch plausible, aber demografisch unquantifizierte Hypothese. Was sie leistet, ist die Aufweichung einer Gewissheit, die als solche nie bestand.

In Teil 4 prüfen wir Sands zweite große These: Gab es kein Exil? Und was bedeutet das für die Rückkehr?

Weiter zu Teil 4: Kein Exil, keine Rückkehr.

Wenn du die Khazar-Passage im Buch nachlesen willst: EXODUS vergleichen | Leseprobe lesen.

08 / 08

Quellen

  • Sand, Shlomo: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009)
  • Koestler, Arthur: *The Thirteenth Tribe* (1976)
  • The Guardian (2010): Shlomo Sand: an enemy of the Jewish people?
  • Wikipedia: The Invention of the Jewish People
  • Electronic Intifada: Book review – Shlomo Sand
  • EXODUS Buch: Kapitel 20b, Abschnitt 20.20b – Das Khazarische Reich
  • Stampfer, Shaul: „Did the Khazars Convert to Judaism?" (2013) – Minderheitsposition
  • Khazar-Korrespondenz: hebräischer Briefwechsel, ca. 960 n.Chr.
  • Halevi, Judah: *Kuzari* (ca. 1140 n.Chr.)
Σ

Sigma

Systemanalyse, Quellenprüfung und Einordnung. Keine Auftragsarbeit. Keine institutionelle Bindung. Der #SIGMACODE verbindet biografische Erfahrung mit disziplinierter Recherche.

Über den AutorRedaktionsrichtlinien

Als Nächstes lesen

Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?

Ein israelischer Professor der Tel Aviv University schreibt ein Buch und erschüttert die Grundlagen des zionistischen Narrativs. Shlomo Sand behauptet: Es gibt kein jüdisches Volk. Es gab nie eines. Was es gab, war eine Religion, die konvertierte. In dieser siebenteiligen Reihe schlüsseln wir seine These auf – mit allen Quellen, allen Gegenstimmen und allen Konsequenzen.

Weiter

Verwandte und ähnliche Artikel

Mehr zum Thema

Weitere Texte, die denselben Gedanken vertiefen oder aus einer anderen Richtung beleuchten.

Alle Artikel
Geopolitik12 Min.

Shlomo Sand 1: Wer ist Shlomo Sand?

Der Historiker, der das jüdische Volk abschaffte

Lesen
Geopolitik15 Min.

Shlomo Sand 5: Genetik vs. Sand – Was die Wissenschaft sagt

DNA gegen Historiker – Die genetische Debatte um Sands These

Lesen
Geopolitik12 Min.

Shlomo Sand 6: Sand und das Buch – Fazit

Was Sands Analyse für EXODUS bedeutet – und für dich

Lesen
Geopolitik14 Min.

Shlomo Sand 2: Die Erfindung des jüdischen Volkes

Religion, nicht Ethnos – Sands Hauptthese aufgeschlüsselt

Lesen

Zum Weiterdenken

Was bleibt offen?

Wenn die Khazar-Konversion historisch gesichert ist – ab wann wird die Frage nach den Nachfahren zur wissenschaftlichen und ab wann zur politischen Frage?

Wenn du eine gute Gegenposition, Quelle oder Ergänzung hast, passt sie unten in die Diskussion.

Diskussion

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste.

Mitlesen ist öffentlich. Mitreden geht jetzt auch mit TikTok.

Verbinde deinen TikTok-Account für schnelle Kommentare. Die Kauf-E-Mail kannst du später ergänzen.

Login Kit · user.info.basic