Geopolitik11. Juli 2026ca. 13 Min. Lesezeit
Shlomo Sand 4: Kein Exil, keine Rückkehr
Sands Kritik des zionistischen Gründungsnarrativs

Die Khazar-These (siehe Teil 3) ist Sands bekanntestes Argument, aber sein fundamentalstes Argument ist ein anderes: Es gab kein Exil.
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Die konventionelle Erzählung

So lautet das Standardnarrativ: Nach den jüdischen Aufständen gegen Rom, dem Großen Aufstand (66–73 n.Chr.) und dem Bar-Kochba-Aufstand (132–136 n.Chr.), vertrieben die Römer die jüdische Bevölkerung aus Judäa. Die Juden wurden in die Diaspora geschickt, nach Rom, nach Nordafrika, nach Babylonien, in den gesamten Mittelmeerraum. Seitdem lebten sie im Exil, verstreut über die Welt, und sehnten sich nach der Rückkehr nach Zion. Diese Sehnsucht ist in der Liturgie, in den Psalmen, in der gesamten jüdischen Tradition verankert. Der Zionismus des 19. Jahrhunderts verwirklichte diese Sehnsucht: die Rückkehr in das Land der Vorfahren.
Sand nennt das eine Erfindung.
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Sands These: Keine Massenvertreibung
Sand begann seine Recherche mit einer einfachen Frage: Wo sind die historischen Studien über die Vertreibung der Juden durch Rom? Er suchte in der akademischen Literatur und fand nichts.
Seine Schlussfolgerung: Es gab keine Massenvertreibung. Die Römer vertrieben nicht die jüdische Bevölkerung aus Judäa. Was sie taten, war spezifischer. Beim Großen Aufstand (66–73 n.Chr.) zerstörte Titus den Zweiten Tempel (70 n.Chr.). Die römische Strafaktion war brutal, aber sie richtete sich gegen die Aufständischen und die Führungsschicht, nicht gegen die gesamte Zivilbevölkerung. Josephus berichtet von Massakern und Versklavungen, aber nicht von einer systematischen Deportation der gesamten Bevölkerung.
Beim Bar-Kochba-Aufstand (132–136 n.Chr.) schlug Hadrian den Aufstand nieder, änderte den Namen Judäas in „Syria Palaestina", verbot die Beschneidung und baute Jerusalem als römische Kolonie (Aelia Capitolina) wieder auf. Das war eine kulturelle und religiöse Unterdrückung, aber keine Massendeportation.
Sand argumentiert: Die Römer deportierten Eliten, also Priester, Aufständische und Anführer, aber sie deportierten nicht Bevölkerungen. Das war nicht römische Praxis. Rom unterwarf, besteuerte und integrierte, aber es deportierte nicht ganze Völker aus ihren Territorien. Die jüdische Landbevölkerung blieb in Judäa, wie auch im Wikipedia-Artikel zu *The Invention of the Jewish People* (externer Link, öffnet in neuem Tab) zusammengefasst wird.
Sand hat Recht, dass es keine umfassende historische Studie gibt, die eine Massendeportation der jüdischen Bevölkerung aus Judäa dokumentiert. Die römische Praxis der Bestrafung war selektiv, nicht total. Die Vorstellung, dass „die Juden" als Kollektiv vertrieben wurden, ist historisch ungenau.
Kritiker sagen, Sand übertreibe. Es gab Deportationen, nach dem Großen Aufstand wurden jüdische Gefangene nach Rom gebracht. Josephus berichtet von Tausenden Versklavten. Die Frage ist die Skala: War es eine Massenvertreibung oder eine selektive Bestrafung der Elite? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen.
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Woher kamen dann die Millionen Juden in der Diaspora?
Wenn die Römer die Juden nicht vertrieben, wie erklären sich dann die großen jüdischen Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum und in Babylonien?
Sands Antwort lautet, die Diaspora sei durch Konversion entstanden, nicht durch Vertreibung. Die jüdische Diaspora entstand nicht durch Deportation, sondern durch Proselytisierung (siehe Teil 2). Jüdische Händler, Gelehrte und Gemeinden im Mittelmeerraum konvertierten lokale Bevölkerungen. Die Diaspora wuchs durch Konversion, nicht durch Flucht.
Das erklärt, warum jüdische Gemeinden in Rom, Nordafrika, Kleinasien und Babylonien existierten. Sie waren nicht das Ergebnis einer Vertreibung aus Judäa, sondern das Ergebnis einer aktiven missionierenden Religion, wie Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab) im Überblick darstellt.
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Die Palästinenser als die Gebliebenen
Hier kommt Sands provokativste Schlussfolgerung: Wenn die Römer die Juden nicht vertrieben, dann blieben die meisten Juden im Land. Unter der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert konvertierten viele zum Islam und wurden zu Palästinensern.
Sand schreibt: „Following the Arab conquest of Palestine in the 7th century, many local Jews converted to Islam and were assimilated among the Arab conquerors. Sand concludes that these converts are the ancestors of the contemporary Palestinians." (Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab))
Die Logik ist geradlinig: Wenn die Römer nicht vertreiben, bleiben die Juden in Judäa. Als die Araber Palästina erobern (637 n.Chr.), konvertieren viele Juden zum Islam. Diese konvertierten Juden werden zu Palästinensern, was bedeutet, dass die Palästinenser die Nachfahren der antiken jüdischen Bevölkerung sind.
Es ist historisch dokumentiert, dass unter der arabischen Herrschaft Teile der lokalen Bevölkerung zum Islam konvertierten, aus steuerlichen, sozialen und religiösen Gründen. Das betraf Christen und Juden. Die Vorstellung, dass einige palästinensische Familien von antiken jüdischen Bewohnern Palästinas abstammen, ist nicht abwegig.
Die Skala allerdings ist das Problem. Sand suggeriert, dass die Mehrheit der Palästinenser von konvertierten Juden abstammt. Das ist eine starke These, die genetisch weder bewiesen noch widerlegt ist. Die palästinensische Bevölkerung ist genetisch levantinisch, aber das könnte auf eine gemeinsame Vorfahrenschaft mit antiken Juden hindeuten oder auf eine allgemeine levantinische Bevölkerungskontinuität, die älter ist als die jüdische Identität.
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Die Exil-Erzählung als christliches Konstrukt
Sand geht noch einen Schritt weiter. Er sagt, die Erzählung des Exils sei nicht jüdischen Ursprungs, sondern christlich. Die frühen Christen entwickelten die Vorstellung, dass die Zerstörung des Tempels und die „Vertreibung" der Juden eine göttliche Strafe für die Ablehnung Jesu seien.
Sand zitiert: „Christians wanted later generations of Jews to believe that their ancestors had been exiled as a punishment from God." (Quelle: Wikipedia (externer Link, öffnet in neuem Tab))
Die Exil-Erzählung diente also ursprünglich einem christlichen Zweck: Sie bewies, dass Gott die Juden bestraft hatte, weil sie Christus ablehnten. Erst später, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, übernahmen jüdische Gemeinden diese Erzählung als Teil ihrer eigenen Identität.
Die Verbindung zwischen christlicher Theologie und der Exil-Erzählung ist in der Forschung diskutiert worden. Die Vorstellung der Vertreibung als göttliche Strafe findet sich in christlichen Texten der Spätantike.
Jüdische Liturgie enthält aber Exil- und Zion-Motive, die älter sind als das Christentum. Psalm 137 („An den Wassern Babylons saßen wir und weinten") ist vorchristlich. Die Sehnsucht nach Zion ist in der hebräischen Bibel selbst verankert. Sand muss erklären, wie eine christliche Erzählung eine jüdische Tradition überschreiben konnte, die bereits existierte.
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Zionismus als Rückkehr-Mythos
Sands Schlussfolgerung: Der Zionismus ist ein moderner Nationalismus, der ein antikes Narrativ instrumentalisiert. Die Idee der „Rückkehr" ist nicht eine 2.000-jährige jüdische Sehnsucht, sondern eine politische Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die die Exil-Erzählung zur Legitimation nutzte.
Sand sagt: „A lot of pro-Zionists in London and New York don't really understand what their great-grandparents felt about Zion. It was the most important place in the world in their imagination, as a religious, sacred land, not a place to emigrate." (Sand, *The Invention of the Land of Israel* (Verso, 2012), Kap. 1; L'Humanité: Interview mit Shlomo Sand (2024) (externer Link, öffnet in neuem Tab))
Vor dem Zionismus war Zion für die meisten Juden eine metaphysische Vorstellung, kein politisches Ziel. Die Rückkehr nach Zion war etwas, das der Messias bewerkstelligen würde, nicht eine politische Bewegung. Der Zionismus säkularisierte eine religiöse Sehnsucht und machte sie zu einem territorialen Anspruch.
Die Unterscheidung zwischen religiöser Sehnsucht und politischem Programm ist historisch valide. Vor dem 19. Jahrhundert gab es keine organisierte jüdische Bewegung, die eine Masseneinwanderung nach Palästina anstrebte. Die zionistische Bewegung ist ein Produkt des europäischen Nationalismus.
Die Sehnsucht war nicht erfunden. Religiöse Sehnsucht kann sich in politisches Handeln übersetzen, ohne dass das eine das andere widerlegt. Die Tatsache, dass Zion eine religiöse Vorstellung war, bevor sie eine politische wurde, macht die politische Umsetzung nicht illegitim. Sie verändert nur die Art der Legitimation.
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Was das für Israel bedeutet
Sands politisches Argument ist nicht, dass Israel abgeschafft werden soll. Sein Argument ist, dass Israel seine Legitimation umformulieren muss, weg von der ethnischen Abstammung, hin zu einer bürgerschaftlichen Grundlage.
Wenn es kein Exil gab, dann ist die „Rückkehr" keine Rückkehr in ein verlorenes Land, sondern die Gründung eines neuen Staates. Viele Staaten sind moderne Gründungen, und das allein macht sie nicht illegitim. Die veränderte Begründung ist jedoch erheblich, denn sie verschiebt die Legitimation von historischem Anspruch auf politische Gegenwart.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Juden in Israel leben dürfen, sondern auf welcher Grundlage: ethnischer Anspruch oder bürgerliche Gleichheit.
Sand plädiert für Letzteres: Israel als Staat aller seiner Bürger, Juden und Araber. Das ist eine politische Position, die über die historische Analyse hinausgeht, aber sie ist die Konsequenz, die Sand aus seiner historischen Arbeit zieht (Sand, *The Invention of the Jewish People*, Nachwort; Mediapart: Interview mit Shlomo Sand (2008) (externer Link, öffnet in neuem Tab)).
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Kein Exil, keine Rückkehr
| Aussage | Status |
|---|---|
| Römer vertrieben die gesamte jüdische Bevölkerung | nicht belegt, selektive Bestrafung, keine Massendeportation |
| Diaspora entstand durch Vertreibung | umstritten, Sand: durch Konversion |
| Exil-Erzählung ist christlichen Ursprungs | teilweise belegt, christliche Theologie nutzte sie, aber jüdische Zion-Motive sind älter |
| Palästinenser stammen von konvertierten Juden ab | plausibel, aber nicht bewiesen |
| Zionismus säkularisierte religiöse Sehnsucht | belegt, Zion war vor dem 19. Jh. religiöse, nicht politische Kategorie |
| Israel muss Legitimation umformulieren | Sands politische Konsequenz, umstritten |
In Teil 5 konfrontieren wir Sand mit der Wissenschaft, die ihm am meisten widerspricht: der Genetik.
Weiter zu Teil 5: Genetik vs. Sand.
Wenn du die historischen Kontexte aus dem Buch vertiefen willst: EXODUS vergleichen | Leseprobe lesen.

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Quellen
Die Primärquellen sind Sands eigene Werke: *The Invention of the Jewish People* (Verso, 2008/2009) und *The Invention of the Land of Israel* (Verso, 2012). Ergänzt werden sie durch ein Interview mit Sand in L'Humanité (2024) (externer Link, öffnet in neuem Tab) sowie ein Gespräch in Mediapart (2008) (externer Link, öffnet in neuem Tab). Als sekundäre Quelle diente der Wikipedia-Artikel zu *The Invention of the Jewish People* (externer Link, öffnet in neuem Tab). Die antiken Quellen umfassen Flavius Josephus (*The Jewish War*, *Antiquities of the Jews*) zu den römischen Feldzügen und Cassius Dio (*Roman History*) zum Bar-Kochba-Aufstand. Der theoretische Rahmen für Sands Nationskonstruktion stammt von Benedict Anderson, *Imagined Communities* (Verso, 1983).
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