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Gesundheitsordnung22. Mai 2026ca. 11 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Christian Drosten: Der Virologe, der die Pandemie definierte

Der Corman-Drosten-Test bestimmte, wer krank war. Und wer es nicht war.

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"​近日,上海崇明气膜实验室建成并投入使用,为高效完成核酸检测任务提供了有力支撑。

Am 1. Januar 2020 veröffentlichte ein Team um Christian Drosten und Victor Corman das erste PCR-Protokoll für SARS-CoV-2. Es wurde innerhalb von 48 Stunden zur globalen Standardmethode. Ohne diesen Test hätte die Pandemie anders ausgesehen, oder wäre gar nicht als Pandemie erkannt worden. Dieser Artikel beschreibt, wie ein einzelner wissenschaftlicher Durchbruch die Machtstruktur der Pandemie formte, und warum die Konzentration so vieler Entscheidungen in einer Hand Fragen aufwirft, die bis heute nicht beantwortet sind.

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Der Corman-Drosten-Test

Das Protokoll wurde am 23. Januar 2020 auf der Charité-Website veröffentlicht. Es basierte auf der Erfahrung mit SARS-CoV-1 aus dem Jahr 2003 und MERS-CoV aus dem Jahr 2012. Die Entwicklung war rekordverdächtig schnell, was angesichts der drohenden Krise verständlich war, aber auch Fragen zur Gründlichkeit aufwarf.

Der Test vervielfältigt virale RNA-Fragmente durch die Polymerase-Kettenreaktion und erkennt spezifische Sequenzen des SARS-CoV-2-Virus. Er gibt jedoch keinen direkten Befund über Infektiosität oder Krankheit. Er misst nur virale Präsenz, nicht virale Relevanz. Dieser Unterschied wurde während der gesamten Pandemie selten klar kommuniziert, obwohl er über das Schicksal Millionen von Menschen entschied.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl das Protokoll am 13. Januar 2020 als Referenzmethode. Quelle: WHO: Diagnostic detection of Wuhan coronavirus (externer Link, öffnet in neuem Tab). Damit war ein Test, der in Rekordzeit unter enormem Druck entwickelt worden war, zum globalen Standard geworden, noch bevor das Virus vollständig sequenziert oder verstanden war.

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Der Ct-Wert: Die entscheidende Zahl

Der PCR-Test gibt kein Ja/Nein-Ergebnis. Er gibt einen Ct-Wert (Cycle Threshold), also die Zahl, die angibt, nach wie vielen Verdopplungszyklen die virale RNA nachweisbar ist. Bei einem Ct-Wert unter 25 spricht man für eine hohe virale Last, der Patient ist wahrscheinlich infektiös. Zwischen 25 und 30 gilt die Last als moderat, Infektiosität ist möglich. Bei Werten zwischen 30 und 35 ist die Last gering, und die Infektiosität wird fraglich. Oberhalb von 35 ist die virale RNA so stark verdünnt, dass eine Infektiosität unwahrscheinlich ist.

Deutschland nutzte jedoch Ct-Werte bis 40. Selbst bei 35 Zyklen, also einer Vervielfachung der RNA um den Faktor 2 hoch 35 (über 34 Milliarden), wurde ein Test als „positiv" gewertet. Die Konsequenz war massenweise positive Tests bei Menschen, die nicht krank und nicht infektiös waren. Diese Menschen wurden isoliert, ihre Kontakte wurden nachverfolgt, und ganze Schulklassen und Betriebe wurden geschlossen, obwohl der Getestete das Virus nicht mehr übertragen konnte.

Die Frage, ab welchem Ct-Wert ein Test rechtlich und medizinisch als „positiv" gelten sollte, wurde nie systematisch geklärt. Stattdessen überließen Labore die Festlegung teils an die Hersteller der Testkits. Die Politik griff nicht ein, die Medien fragten nicht nach. Der Ct-Wert blieb für die meisten Bürger ein unbekannter Begriff, obwohl er über ihre Freiheit entschied.

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Die Drosten-Kontroverse

Im November 2020 veröffentlichte eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern eine offene Anfrage an das European Journal of Clinical Microbiology & Infectious Diseases. Sie beanstandeten methodische Mängel im Corman-Drosten-Protokoll. Die Kritik umfasste mehrere Punkte: Es gab keine Validierung mit klinischen Proben vor der Veröffentlichung, die hohen Ct-Werte wurden ohne klinische Korrelation festgelegt, Kontrollen für Kontamination fehlten, und es gab keine Prüfung auf Kreuzreaktivität mit anderen Coronaviren.

Die Reaktion war absehbar. Drosten und seine Co-Autoren veröffentlichten eine Gegenstellungnahme, das Journal führte keine formale Rücknahme durch, und die Debatte wurde schnell polarisiert. Wer den Test kritisierte, galt als „Impfgegner", wer ihn verteidigte, stand für „Wissenschaft". Eine differenzierte Diskussion über Methodik und Grenzen des Tests fand kaum statt. Quelle: Review Report Corman-Drosten et al., Eurosurveillance 2020 (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Das Problem dabei ist nicht, dass es Kritik gab. Kritik ist normal in der Wissenschaft. Das Problem ist, dass die Kritik nicht wissenschaftlich ausgetragen, sondern politisch aufgeladen wurde. Wer methodische Fragen stellte, wurde nicht als Wissenschaftler gehört, sondern als Störer abgetan. Damit verlor die wissenschaftliche Debatte ihre wichtigste Eigenschaft: die Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

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Der NDR-Podcast: „Coronavirus-Update"

Ab März 2020 produzierte Drosten den Podcast „Das Coronavirus-Update" für den NDR. Mehr als 100 Folgen erschienen, wöchentlich, oft mehrere Stunden lang. Millionen Menschen hörten jede Folge, bekamen wöchentliche Einordnungen aktueller Daten, wissenschaftliche Erklärungen für Laien und gelegentliche politische Kommentare.

Die Kritik daran ist subtil, aber wichtig. Ein Wissenschaftler mit direktem Einfluss auf die Testmethode war gleichzeitig die primäre öffentliche Erklärfigur. Es gab keine redaktionelle Distanz, der Podcast war Drostens direkte Stimme. Keine Gegenstimmen, keine kontroverse Debatte im Format. Die Vermischung von wissenschaftlicher Expertise und medialer Macht war strukturell angelegt und wurde von niemandem hinterfragt.

Der Podcast endete 2022. Aber seine Wirkung war nachhaltig. Drosten wurde zur wissenschaftlichen Autorität, deren Aussagen politische Maßnahmen beeinflussten. Wer jede Woche die gleiche Stimme hört, die erklärt, was gilt und was nicht, beginnt, diese Stimme als Wahrheit zu akzeptieren. Das ist keine Kritik an Drosten persönlich, sondern an einem System, das keine Alternative zuließ.

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Die Medienpräsenz und ihre Folgen

Drosten gab während der Pandemie Hunderte Interviews. Er war in Tagesschau, Tagesthemen, ZDF-Magazinen, Zeitungsinterviews und internationalen Medien. Immer wieder sagte er Sätze wie „Die Pandemie ist noch nicht vorbei" (wiederholt 2020 bis 2022), „Die Impfung ist der Ausweg" (2021), „Omicron könnte die letzte große Welle sein" (2022) oder „Endemisch bedeutet nicht harmlos" (2023).

Die Stärke seiner Kommunikation lag in Klarheit, wissenschaftlicher Basis und direkter Sprache. Die Schwäche lag in zu wenig Selbstzweifel, zu wenigen korrigierten Fehleinschätzungen und zu wenig Raum für Unsicherheit. Wenn ein Wissenschaftler in den Medien auftritt, sollte er nicht nur erklären, was er weiß, sondern auch, was er nicht weiß. Diese Differenzierung kam bei Drosten zu kurz.

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Die wissenschaftliche Macht

Drosten war nicht nur ein Kommunikator. Er war ein Entscheider. Sein Test definierte, wer als „infiziert" galt. Seine Einschätzungen beeinflussten die Politik. Seine Forschungsgruppe produzierte Daten, die die Maßnahmen begründeten. Er beriet das Bundesgesundheitsministerium.

Das ist keine Verschwörung. Das ist eine Konzentration von Macht. Ein einzelner Mensch, kompetent, wissenschaftlich fundiert, gutwillig, hatte mehr Einfluss auf die deutsche Pandemiepolitik als viele gewählte Parlamente. In einer funktionierenden Demokratie sollten solche Entscheidungen verteilt, diskutiert und kontrolliert werden. Im Fall der Pandemie waren sie es nicht.

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Die finanzielle Seite

Drostens Einkommen während der Pandemie setzte sich aus mehreren Quellen zusammen. Seine Charité-Professur brachte ein öffentliches Gehalt von schätzungsweise 8.000 bis 12.000 Euro im Monat. Das Podcast-Honorar kam vom NDR, war öffentlich-rechtlich und begrenzt. Buchhonorare flossen aus mehreren Publikationen. Die Forschungsgelder von DFG, BMBF und EU gingen an seine Arbeitsgruppe.

Die Forschungsgelder sind relevant. Die Charité-Virologie erhielt während der Pandemie massiv zusätzliche Mittel. Drosten selbst erhielt kein direktes Bonusgehalt, aber seine Arbeitsgruppe wuchs, seine Mitarbeiterzahl stieg, seine wissenschaftliche Reputation wurde global. Wer mehr Geld und mehr Personal bekommt, hat mehr Möglichkeiten, mehr Studien zu produzieren, die wiederum die Politik beeinflussen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine strukturelle Beobachtung. Quelle: Charité: Virologie-Institut (externer Link, öffnet in neuem Tab).

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Die Kritik, die nicht gehört wurde

Während der Pandemie gab es wissenschaftliche Kritik an Drosten, die nicht im Mainstream thematisiert wurde. Stefan Hockertz, Immunologe aus Tübingen, kritisierte die PCR-Teststrategie als ungeeignet für das Pandemie-Management. Sucharit Bhakdi, Mikrobiologe aus Mainz, kritisierte die Massenimpfung und die Teststrategie und wurde als „Impfgegner" diskreditiert. Anders Tegnell, Staatsepidemiologe Schwedens, setzte auf eine andere Strategie, weniger testgetrieben, und wurde in Deutschland als „leichtsinnig" dargestellt.

Die Gemeinsamkeit: Alle waren Wissenschaftler. Alle hatten unterschiedliche Einschätzungen. Aber nur eine Einschätzung, nämlich Drostens, dominierte die deutsche Politik und Medien. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Medienstruktur, die nach dem einen Experten sucht, der die Lage erklärt, und alle anderen ausblendet. Schweden hatte deutlich weniger Tote als prognostiziert, aber das wurde in Deutschland kaum thematisiert.

Christian Drosten ist kein Bösewicht. Er ist ein brillanter Wissenschaftler, der in einer historischen Situation mehr Einfluss hatte, als jeder Einzelne haben sollte. Der Corman-Drosten-Test rettete Leben, indem er das Virus sichtbar machte. Aber er machte auch ein System sichtbar, in dem ein einzelner Test und ein einzelner Tester die Grenze zwischen Krank und Gesund, zwischen Normalität und Maßnahme, zwischen Freiheit und Einschränkung definieren konnte.

Drostens Kompetenz steht außer Frage. Entscheidender ist, ob ein einzelner Mensch so viel Macht über öffentliche Gesundheit haben sollte, und ob wir als Gesellschaft gelernt haben, diese Macht zu kontrollieren. Die Antwort, drei Jahre nach dem Ende der akuten Pandemie, ist ernüchternd. Es gab keine echte Aufarbeitung. Es gab keine Strukturreform. Es gab keine Verteilung von Verantwortung. Der nächste Erreger kommt bestimmt, und die Frage ist, ob beim nächsten Mal ein anderer Einzelner wieder alles bestimmt.

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Weiterlesen

Vertiefung findet sich in den Artikeln Karl Lauterbach: Der Gesundheits-Twitterer, Corona-Geld: Wie Tote und Kranke zur Rechengröße wurden, RKI-Files: Was wirklich bewiesen ist und Übersterblichkeit im Blick.

Victor Corman und Christian Drosten entwickelten den PCR-Test an der Charité Berlin. Das Protokoll wurde am 23. Januar 2020 veröffentlicht. Der Ct-Wert bezeichnet die Zahl der Verdopplungszyklen, bis virale RNA nachweisbar ist. Je höher der Wert, desto weniger Virus ist vorhanden. Ab Ct 35 ist eine Infektiosität unwahrscheinlich. Drosten erhielt kein Geld für den Test selbst. Das Protokoll wurde frei veröffentlicht. Aber die Charité-Virologie profitierte indirekt durch Forschungsgelder und globale Aufmerksamkeit. Der Podcast vermischte wissenschaftliche Expertise mit politischem Einfluss, ohne redaktionelle Distanz. Das war hilfreich für Aufklärung, aber riskant für kritische Debatte. Die Kritik am Test wurde teilweise widerlegt. Einige methodische Einwände wurden korrigiert. Die grundsätzliche Frage, ob PCR-Tests mit Ct über 35 sinnvoll sind, bleibt umstritten.

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